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100 Jahre Frauentag am 8. März 2011

Liebe Frauen und Mädchen, sehr geehrte Anwesende,
seit 1911 finden sich Frauen der ganzen Welt zusammen, um ihre Rechte einzufordern.
Auch heute sind Forderungen aktuell, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten, ich nenne hier nur zwei:
· Gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit zahlen
· Möglichkeiten zu schaffen, dass Mütter in Vollzeit arbeiten können
Was haben diese Forderungen mit der Leipziger Kommunalpolitik zu tun?
Sicher ist klar, dass Forderungen nach Lohngerechtigkeit nicht auf kommunaler Ebene gelöst werden können. Aber Leipzig badet wie auch die anderen Kommunen das aus, was mit der Agenda 2010 in Berlin verzapft wurde. Und von sozialer Ungerechtigkeit sind Frauen oft besonders betroffen.
Daher sind alle Maßnahmen, die die Stadt Leipzig im sozialen Bereich trifft – sei es das Sozialticket, sei es die Schaffung von Krippen- und Kitaplätzen, sei es die Förderung von Vereinen und Verbänden in den unterschiedlichsten Lebensbereichen, auch und besonders geeignet, Frauen  die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen bzw. zu verbessern. Und das sind ureigene Fragen der Kommunalpolitik.
Somit wäre es eine schöne Selbstverständlichkeit, wenn auch der Stadtrat zur Hälfte aus Stadträtinnen besteht.
Doch engagieren sich im 70köpfigen Leipziger Stadtrat  nur 19 Frauen.
Wird Kommunalpolitik nicht überall als Frauensache angesehen? Mit welchem Frauenbild haben sich die Stadträtinnen manchmal auseinanderzusetzen?
Schon die Vorkämpferin des Internationalen Frauentages, Clara Zetkin, hat auf die Stärken der Frauen verwiesen, auf  - ich zitiere - „die reichen  Springquellen geistiger und sittlicher Werte“, die in den Frauen „unterirdisch rauschen, ungekannt und ungenützt“  – veröffentlicht in der Leipziger Volkszeitung vom 19. Juni 1917.
Wie sieht es heute, knapp 95 Jahre später aus?
Als Vorsitzende einer Fraktion, die mehr Frauen als Männer aufweist – ein Alleinstellungsmerkmal nicht nur im Stadtrat – kann ich dazu mit einigen Erfahrungen aufwarten, die ich am heutigen Faschingsdienstag mit einem leichten Augenzwinkern vortragen möchte.
Da ist zunächst mit einem Vorurteil aufzuräumen, dass Frauen sich vor allem um Soziales, Kultur und Bildung kümmern sollten - frei nach dem Vorbild „Kinder, Küche, Kirche“?
Aber Frauen sind durchaus in der Lage, nicht nur ihren eigenen Haushalt zu überblicken, sondern auch den städtischen. Frauen sind durchaus in der Lage, kompetent in Aufsichtsräten zu beraten und zu entscheiden. Die Einführung einer Mindestquote für Frauen in kommunalen Aufsichtsräten halten wir für sehr sinnvoll.  6 von 9 Frauen in meiner Fraktion nehmen solche Mandate wahr, zum Teil in mehreren Aufsichtsräten. Andere Fraktionen im Stadtrat wären allerdings mit einer Quotierung von 40% total überfordert – aus Frauenmangel. 
Dann gibt es – vor allem aus dem Kreis bejahrter männlicher Stadtratskollegen – die Neigung, junge, engagierte Stadträtinnen gönnerhaft als „Mädels“ zu behandeln. Dabei übersehen derartige Patriarchen allerdings zuweilen, dass ihnen die jungen Frauen in Sachen Qualifikation, sozialer und kommunikativer Kompetenz durchaus ebenbürtig sind – und da bleibe ich sehr bescheiden.
Und dann gibt es manchmal die Meinung, dass Frauen zu zurückhaltend sind, sich nicht engagiert genug in die Diskussion einbringen. Nicht nur der Blick auf meine Stadtratskollegin Margitta Hollick, sondern allein die hier versammelte Runde lässt das als Vorurteil stehen.
Andererseits kursiert das Bild von den geschwätzigen Frauen, die jedes Thema zerreden. Dazu wäre zu sagen: Der Ausschuss im Stadtrat, der für „viel Lärm um nichts“, das heißt für lange Sitzungen mit vielen Worten über wenige Vorlagen berüchtigt ist, wird nicht von einer Frau geleitet. Die Ausschüsse, die von Frauen geleitet werden, stehen nach meinem Wissen für unaufgeregte Sacharbeit. Und auch im Stadtrat selbst sind die notorischen Dauerredner in der Regel Männer, da nehme ich meine eigene Fraktion überhaupt nicht aus.
Nicht zuletzt möchte ich mit dem Vorurteil aufräumen, dass Frauen Sachdebatten in einen „Zickenkrieg“ ausarten lassen. Nach meiner Erfahrung hier im Rathaus passiert das in Männerdominierten Runden genauso, nur dass es dann um Platzhirsche geht. Zickenkriege enden allerdings eher nicht damit, dass jemand auf der Strecke bleibt. Und Frauen kriegen sich viel schneller wieder ein als so mancher Zaunkönig.
Und in der Stadtverwaltung? 78% der Angestellten sind Frauen, aber nur 26% der Beamten.  In der Hierarchie stehen Frauen, sehr fähige Fachleute, in der zweiten Reihe. Ämtern und Referaten stehen 20 Leiterinnen vor.
Doch die oberste Reihe ist eine typische  Männerdomäne. Vor und nach Finanzbürgermeisterin Kudla bestand und besteht die Bürgermeisterriege einschließlich des Oberbürgermeisters nur aus Männern. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das künftig.
Und das wäre im Sinne der Frauenrechte und des heutigen Frauentages gar kein so schlechter Gedanke.
Was haben Frauen in die Politik einzubringen? Sachverstand und Lebenserfahrung, Empathie und die Gabe, Gemeinsames zu finden, unspektakulär und ohne Machogehabe.
Der überparteiliche Frauentagsempfang am 6. März hat das deutlich bewiesen.
Und die heutige Veranstaltung wird das ihre dazu beitragen, da bin ich mir ganz sicher.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Ilse Lauter