Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Rede anlässlich des Konzertes internationaler Musiker in der HMT am 22. Juni 2013

Ich gestehe es Ihnen offen: ich bin in einer verwickelten Lage. Diese Hochschule bedeutet mir viel. Ich habe selbst hier studiert. Und es war die intensivste Zeit meines Lebens. Von 1996-2000 habe ich – obwohl ich zuvor gar nicht wusste, was das ist – Dramaturgie studiert. Das war ein Glücksfall für mein Leben. Ich habe meinen Beruf entdeckt – ich habe mich entdeckt. Mehr kann man von einem Studium nicht verlangen. Als ich 2000 diese Hochschule verlassen habe, hatte ich vier Jahre mit großartigen Professorinnen erlebt, die mir die Welt des Denkens und der Kritik geöffnet haben. Ich würde sagen, keine Zeit hat mich bislang mehr geprägt. Ich denke daran in großer Dankbarkeit zurück.
Vier Jahre später bin ich an diese Hochschule zurückgekehrt, als Lehrbeauftragte. Seither versuche ich, angehende Schauspielschülerinnen mit antikem Theater, mit den Dramen Shakespeares, Kleists und Büchners aber auch mit der Vielfalt von Theaterformen, die immer aus ihrer konkreten zeitlichen Gegenwart heraus entstanden sind, vertraut zu machen. Ich hatte tolle Lehrer und möchte gern die Begeisterung am Lernen, am Denken und an der kritischen Auseinandersetzung weitergeben. Der Gegenwert meiner Leistung betrug zunächst 17,90 aktuell 26 Euro. Ab dem nächsten Wintersemester steigt mein Honorar als Lehrbeauftragte auf 30 Euro. Dafür sollen Studierende aus Nicht-EU-Ländern bezahlen.
Liebe Freunde, das geht nicht. Da stimmt etwas grundsätzlich nicht. Der Fehler liegt im System. Lehraufträge an künstlerischen Hochschulen müssen sein. Es ist für Studierende sinnvoll, Unterricht bei Künstlern aus der Praxis zu haben und von deren Erfahrung zu profitieren. Wenn aber Regelunterricht, wie es das Theoriefach Theatergeschichte darstellt, seit knapp zehn Jahren durch Lehraufträge abgesichert und mit einem Stundensatz vergolten wird, der noch immer unter dem liegt, was die öffentliche Hand für die Stunde eines Bauzeichners ausgibt – dessen Arbeit gleichwohl wertvoll ist, aber eben auch eine kürzere Ausbildung verlangt – dann haben wir es mit einer gesellschaftlichen Schieflage zu tun. Seit Jahren wird an den Hochschulen einschließlich den Universitäten real gekürzt. Die Lage ganzer Generationen von Lehrenden und Forschenden ist prekär. Ich muss Sie nicht darüber aufklären, was es gesamtgesellschaftlich bedeutet, wenn ein extern besetzter Hochschulrat über die Geschicke einer Hochschule entscheidet. Politisch nennt man das Autonomiegewinn, real meint das jedoch, das jede Hochschule zusehen soll, wie sie mit weniger Geld, jetzt Budget genannt, zurecht kommt. Die politische Losung der Landesregierung heißt: Verwaltet den Mangel doch selbst – wir kürzen und kontrollieren nur. 150 Jahre nach Humboldt wirft diese Gesellschaft ihr humanistisches Erbe über Bord und unterwirft Bildung und Forschung, die einmal als interessefrei zu gelten hatten, dem Gesetz der Ökonomie und des Marktes. Und glauben Sie bitte nicht, dass das bereits das Ende ist. Wir sind mitten im Anfang. Bis zum Jahr 2020 wird der Freistaat Sachsen insgesamt 6 Mrd. Euro weniger für Hochschulen ausgeben. Die Grundfinanzierung der Unis und Hochschulen wird immer weiter zurückgefahren: Sollen die doch selbst für Drittmittel sorgen, um Lehre und Forschung zu vergüten. Bereits jetzt liegt Sachsen bundesweit an viertletzter Stelle, was die Ausgaben pro Studierendem betrifft. Die 1042 Stellen, die bis 2020– gesetzlich verankert - gestrichen werden sollen, werden die Lage wohl kaum verbessern. Um es auf den Punkt zu bringen. Immer weniger Lehrende sollen die Qualität der Hochschulen steigern und für ihre Vergütung auf dem freien Markt selbst besorgen. Es lebe die Leistungsgesellschaft!
Ich fordere Sie auf und bitte Sie inständig: Nehmen Sie das nicht hin! Vernetzen Sie sich und formulieren Sie lautstark Ihren Protest. 112 724 Studierende in Sachsen sind 112 724 selbständig denkende, kluge Menschen, die Druck ausüben können. Schimpfen Sie nicht auf unseren Rektor, dem mein großer Respekt gilt. Welche Möglichkeit hat er denn gehabt? Kürzen oder Einnahmen steigern, was an sich schon eine perverse Wortkonstruktion ist im Kontext von Bildung und Forschung. Hätte er gekürzt, hätte jedem von Ihnen ein bisschen gefehlt. Hier eine Stunde weniger, da ein kleine Gebühr für die Bibliothek oder ähnliches. Sie hätten das alle verschmerzt und hätten es murrend hingenommen. Die Entscheidung, Studiengebühren für Nicht-EU-Studierende zu erheben ist falsch. Ja. Aber sie macht die falsche Hochschulpolitik dieser Landesregierung greifbar und kenntlich und hebt sie ins Licht der Öffentlichkeit. Das sollte, ja muss Ihnen Anlass sein, auf die skandalöse Unterfinanzierung dieser und aller Hochschulen hinzuweisen. Reduzieren Sie Ihren Protest nicht auf die Studiengebühren, sondern prangern Sie die Fehler im System an. Nutzen Sie diese Chance, üben Sie Druck aus – bringen Sie die Verhältnisse, bringen Sie diese Landesregierung zum Tanzen! Ich danke Ihnen.