VIII-F-01858 Schließung der Study-Hall in Leipzig-Grünau und Daten zur Lage von Kindern und Jugendlichen
Die Study Hall ist ein außerschulischer Lernort, mitten in Leipzig-Grünau, mit Sitz im Allee-Center. Sie bietet Kindern und Jugendlichen kostenlos Unterstützung beim Lernen, Zugang zu Technik, Internet und ruhige Arbeitsplätze, ebenso wie Begleitung, Beratung und Gemeinschaft. Etwa 15–20 Jugendliche pro Tag, also mehr als 2.000 im Jahr, nutzen das Angebot freiwillig nach der Schule.
Viele von ihnen haben zu Hause keine geeigneten Lernbedingungen. Gerade in einem Stadtbezirk mit vielfältigen Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen leistet die Study Hall einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich sozialer Nachteile.
Nachdem die private Anschubfinanzierung in diesem Jahr ausläuft, steht das Projekt vor dem Aus. Gegenüber der Leipziger Internetzeitung antwortet das Amt für Schule: „Es besteht keine Möglichkeit einer weiteren Finanzierung aus Mitteln der Stadt Leipzig.“
Wir fragen vor diesem Hintergrund:
1) Wie hoch ist die Anzahl der Schulabbrecher*innen, Schulvermeider*innen, schulabstinenten jungen Menschen in Grünau und den Ortsteilen im Vergleich zur Gesamtstadt?
2) Wie viele Kinder haben im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen einen Hilfebedarf im Vergleich zur Gesamtstadt und wie viele Kinder werden von der Schulpflicht noch ein Jahr aus welchen Gründen zurückgestellt?
3) Wie ist die Dichte der Hilfen zur Erziehung im Planungsraum West/Grünau (bitte nach Ortsteilen aufschlüsseln) im Vergleich zur Gesamtstadt? Wie viele ambulante, teilstationäre und stationäre Hilfen werden im Vergleich zur Gesamtstadt in Leipzig gewährt?
4) Wie viele Inobhutnahmen wegen akuter Situationen fanden in Grünau, auch nach Ortsteilen im Vergleich zur Gesamtstadt statt?
5) Wie ist vor dem Hintergrund des Angebot der Study Hall aus Sicht der Stadt Leipzig zu bewerten?
6) Wie ist die Nutzungsbilanz der Study hall seit ihrem Bestehen?
7) Was unternimmt die Stadt Leipzig um das Angebot zu erhalten?
Antwort
1. Wie hoch ist die Anzahl der Schulabbrecher*innen, Schulvermeider*innen, schulabstinenten jungen Menschen in Grünau und den Ortsteilen im Vergleich zur Gesamtstadt?
Die Frage kann mit den zur Verfügung stehenden Daten nicht umfassend beantwortet werden. Aus Datenschutzgründen liegen keine systematischen Daten auf Individualebene zur Schulvermeidung/Schulabsentismus vor. Aus der amtlichen Schulstatistik können auf Schulebene Daten analysiert werden zu Schulabgänger/-innen, die ohne mindestens Hauptschulabschluss die Schule verlassen. Dies sind an den Oberschulen die sogenannten „Schulabbrecher/-innen“. Schulabbrecher/-innen finden sich vor allem an kommunalen Oberschulen, an anderen Schularten und an Schulen in freier Trägerschaft gibt es nur wenige Einzelfälle. Lediglich an den Förderschulen verlassen viele Abgänger/-innen die Schule ohne mindestens Hauptschulabschluss. Diese Abgänger/-innen zählen jedoch nicht als Schulabbrecher/-innen, da an den meisten Förderschulen gar kein Hauptschulabschluss erlangt werden kann und der reguläre Abgang mit einem Abgangszeugnis bescheinigt wird. Die Daten lassen keine Rückschlüsse auf den Wohnort der Jugendlichen zu, lediglich auf den Ortsteil (OT) in dem die besuchte Schule liegt. In den Ortsteilen von Grünau liegen zum Stand Schuljahr 2023/24 zwei kommunale Oberschulen, in anderen Ortsteilen liegen insgesamt 26 kommunale Oberschulen.
Tab.: Schulabgänger/-innen ohne mindestens Hauptschulabschluss an kommunalen Oberschulen in Leipzig nach Jahr
| 2014 | 2015 | 2016 | 2017 | 2018 | 2019 | 2020 | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 |
2 OS in den OT von Grünau Anzahl | 17 | 29 | 39 | 20 | 24 | 14 | 20 | 7 | 19 | 30 | 48 |
2 OS in den OT von Grünau Anteil | 13,2% | 20,3% | 28,5% | 17,5% | 18,0% | 12,1% | 15,4% | 5,6% | 14,8% | 18,6% | 35,0% |
26 OS in anderen OT | 136 | 117 | 127 | 153 | 196 | 174 | 139 | 149 | 154 | 124 | 200 |
26 OS in anderen OT | 11,7% | 9,9% | 9,7% | 10,0% | 13,5% | 11,5% | 9,0% | 9,2% | 9,5% | 7,2% | 10,4% |
OS Gesamt Anzahl | 153 | 146 | 166 | 173 | 220 | 188 | 159 | 156 | 173 | 154 | 248 |
OS Gesamt Anteil | 11,8% | 11,0% | 11,5% | 10,6% | 13,9% | 11,5% | 9,4% | 8,9% | 9,9% | 8,2% | 12,0% |
Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen; 2. Oktober 2024
Weitere Informationen zum Thema Schulerfolg finden sich:
jährlich im Sozialreport im Kapitel „Schule“: www.leipzig.de/sozialreport
auf der Themenseite des Amts für Schule: https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/schulen-und-bildung/bildungsmanagement/schulerfolg-sichern-schulabbruch-verhindern#c345945
2. Wie viele Kinder haben im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen einen Hilfebedarf im Vergleich zur Gesamtstadt und viele Kinder werden von der Schulpflicht noch ein Jahr aus welchen Gründen zurückgestellt?
Auf Basis der Ergebnisse des Einschulungsjahrs 2024 (die Daten für 2025 sind noch nicht ausgewertet):
Hilfebedarf/auffällige Befunde bei der Schulaufnahmeuntersuchung:
Sprache: L: 33,7 % Grünau: 52,2 %
Körperkoordination: L: 13.5 % Grünau: 8,3 %
Visuomotorik: L: 22,6 % Grünau: 36,3 %
Adipositas/ Übergewicht: L: 7,7 % Grünau: 11,7 %
Rückstellung vom Gesundheitsamt empfohlen:
Stadt L: 8,0 %
Grünau: 9,2 %
Gründe für eine durch die Ärzte des Gesundheitsamtes vorgeschlagene Zurückstellung vom Schulbesuch sind vielfach Entwicklungsverzögerungen in den oben genannten Bereichen, den sogenannten schulischen Vorläufer-Fähigkeiten.
Überprüfung sonderpädagogischer Förderbedarf vom Gesundheitsamt empfohlen:
Stadt L: 8,1 %
Grünau: 15,2 %
Gründe für eine durch die Ärzte des Gesundheitsamtes vorgeschlagene Überprüfung des sonderpädagogischen Förderbedarfes sind besonders gravierende Entwicklungsstörungen im Bereich der schulischen Vorläufer-Fähigkeiten sowie Verdacht auf Behinderungen bzw. auch bekannte Behinderungen sowie Sehbeeinträchtigungen, Hörbeeinträchtigungen, Störungen der sozial-emotionalen Kompetenzen, körperlich-motorische Beeinträchtigungen.
3. Wie ist die Dichte der Hilfen zur Erziehung im Planungsraum West/Grünau (bitte nach Ortsteilen aufschlüsseln) im Vergleich zur Gesamtstadt? Wie viele ambulante, teilstationäre und stationäre Hilfen werden im Vergleich zur Gesamtstadt in Leipzig gewährt?
Die Hilfedichte bei den Hilfen zur Erziehung (HzE) im Planungsraum West/Grünau liegt mit 63,8 Fällen pro 1.000 Einwohner/-innen unter 21 Jahren deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtstadt Leipzig von 23,7 pro 1.000 Einwohner/-innen unter 21 Jahren. Die Inanspruchnahme von HzE ist in Grünau mehr als doppelt so hoch wie im städtischen Mittel. Die hier ausgewiesenen HzE-Fälle umfassen ambulante, teilstationäre, stationäre Hilfen sowie Hilfen in Vollzeitpflege.
Die Belastung ist in fast allen Ortsteilen sehr hoch, wobei Grünau-Ost mit 101 die höchste Hilfedichte aufweist. Nur Grünau-Siedlung (19,5) liegt unter dem gesamtstädtischen Durchschnitt.
Im Vergleich dazu liegt die Hilfedichte bei den Eingliederungshilfen (EGH) in Grünau mit 17,6 pro 1.000 Einwohner/-innen unter 21 Jahren lediglich leicht über dem gesamtstädtischen Durchschnitt von 12,1. Die höchste Hilfedichte EGH innerhalb Grünaus findet sich in Grünau-Nord (25).
4. Wie viele Inobhutnahmen wegen akuter Situationen fanden in Grünau, auch nach Ortsteilen im Vergleich zur Gesamtstadt statt?
Der Planungsraum West/Grünau ist von akuten Krisenlagen, die zu Gefährdungsprüfungen (KWG) und zu Inobhutnahme (ION) führen, deutlich überproportional betroffen. Obwohl in Grünau nur 10% aller Jugendeinwohner Leipzigs leben, beträgt der Anteil von Inobhutnahmen aus Grünau an allen ION von Leipzig 37%. Inobhutnahmen, die in Amtshilfe für andere Jugendämter durch Kolleginnen und Kollegen des ASD West II durchgeführt werden, sind hier nicht miterfasst.
5. Wie ist vor dem Hintergrund das Angebot der Study Hall aus Sicht der Stadt Leipzig zu bewerten?
Vor dem Hintergrund der sehr hohen Belastung durch HzE und ION (mehr als doppelt so hoch wie der städtische Durchschnitt) sind die aus den Zahlen abzulesenden Bedarfe in erster Linie im Bereich der Familienbildung und Familienstärkung zu sehen, da hier die Diskrepanz zur Gesamtstadt am größten ist. Die HzE-Zahlen belegen eine akute Notwendigkeit zur Krisenintervention und zur Prävention von Kindeswohlgefährdung.
Es ist nicht davon auszugehen, dass sich durch den Wegfall der StudyHall der Bedarf an schulischen Eingliederungshilfen in Grünau erhöht. Kinder und Jugendliche, die die StudyHall aufsuchen sind lernmotiviert, strukturiert und nutzen aktiv bzw. unterstützt von ihren Familien, ein Angebot zur Verbesserung ihrer schulischen Leistungen. Es handelt sich demzufolge nicht um die oben angesprochene Gruppe der Schulabbrecher/-innen, Schulvermeider/-innen bzw. schulabstinenten jungen Menschen.
6. Wie ist die Nutzungsbilanz der StudyHall seit ihrem Bestehen?
Die Nutzungszahlen der StudyHall haben sich seit ihrer Eröffnung wie folgt entwickelt:
- 2023: 98 Öffnungstage / 360 Nutzungen / durchschnittlich 3,8 Nutzer/-innen täglich
- 2024: 103 Öffnungstage / 882 Nutzungen / durchschnittlich 7,7 Nutzer/-innen täglich
- 1-9/2025: 82 Öffnungstage / 893 Nutzungen / durchschnittlich 9,2 Nutzer/-innen täglich
Während zunächst das Verhältnis zwischen Oberschüler/-innen und Gymnasiast/-innen unter den Nutzer/-innen ausgewogen war, ist seit September 2024 zu verzeichnen, dass ab diesem Zeitpunkt regelmäßig mehr Schüler/-innen von Gymnasien als von Oberschulen die StudyHall nutzen, also vorrangig keine jungen Menschen, die die Schule mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne mindestens einen Hauptschulabschluss verlassen werden.
Die StudyHall öffnet Dienstag bis Donnerstag von 14 bis 19 Uhr. In den Jahren 2023 und 2024 wurden in den Ferien Angebote durchgeführt (z.B. Prüfungsvorbereitung für Real- und Hauptschulabschluss), diese wurden nicht angenommen, sodass sie wieder eingestellt werden mussten. Ebenso wurden fächerbezogene Angebote (Mathe, Fremdsprachen, etc.) und Angebote zu Lernstrategien nicht angenommen und mussten wieder eingestellt werden. Nutzungsmotivation ist das Vorhandensein eines ruhigen Lernraums ohne Ablenkungen, das Vorhandensein von technischer Ausstattung wie Laptops aber auch die Verfügbarkeit von Ansprechpartner/-innen bei Fragen zu Hausaufgaben u.ä..
Die Nutzungszahlen der StudyHall bleiben weit hinter den Erwartungen und auch räumlichen Kapazitäten zurück. Gleichzeitig sind die Räumlichkeiten in Bezug auf Lage und Zuschnitt nicht optimal für das Angebot. Durch die Lage im Bürotrakt des Allee-Centers ist die StudyHall kein Ort, der im Vorbeigehen wahrgenommen werden kann und von „Laufkundschaft“ profitiert, sondern sie muss gezielt aufgesucht werden, was dem Charakter der Niedrigschwelligkeit des Angebotes zuwiderläuft. Andere Objekte in vergleichbarer Lage (mehrere Schulen im Umfeld und Standort im Leipziger Westen oder Osten) standen zum Zeitpunkt des Projektbeginns nicht zur Verfügung.
Nutzungszahlen und wirtschaftlicher Aufwand für Miete und Personal stehen in keinem günstigen Verhältnis zueinander, gleiches gilt für den Aufwand im Bereich Öffentlichkeitsarbeit zur Generierung höherer Nutzerzahlen.
7. Was unternimmt die Stadt Leipzig, um das Angebot zu erhalten?
Derzeit gibt es seitens eines Vereins das Interesse, das Angebot der StudyHall zu übernehmen und – ggf. in leicht veränderter Form – weiterzuführen. Die Stadt Leipzig stellt hierfür ihre Expertise aus Aufbau und Betrieb der StudyHall zur Verfügung.
