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FDP-Kur für Oper und Gewandhaus tödlich

Siegfried Schlegel

Leipziger Internetzeitung 25.2.2012 Leipziger Kulturdebatte: Reik Hesselbarth (FDP) Wir brauchen eine umfassende Debatte

 

Unstrittig ist, dass eine breite Debatte mit den betroffenen Einrichtungen, der Verwaltung und dem Stadtrat sowie unter Einbeziehung der Bevölkerung notwendig ist, um mittel- und langfristig Leipzigs Hochkultur auf stabile finanzielle Grundlagen zu stellen und Handlungsoptionen gegenüber der freien Szene zu erhalten. Ebenso dürfte es Einsparpotenziale durch Zusammenlegung bzw. Kooperation im Verwaltungsbereich geben. Der Vorschlag des FDP-Fraktionsvorsitzenden Reik Hesselbarth zur Bildung eines eigenständigen und vom Gewandhausorchesters getrennten
Opernorchesters ist für mich keine Option. Außerdem ist er nicht neu und hatte sich bereits um 1920 erübrigt, wie ein Blick in die zweibändige Ausgabe des Buches „Die Gewandhauskonzerte zu Leipzig“ von 1981 zeigt. Während schon im 19. Jahrhundert die Musiker in Oper und Gewandhaus spielten, profilierten sie sich im Gewandhausorchester durch Gastdirigate und Solisten sowie Auslandsgastspiele zu einem Spitzenorchester. Die Opernmusik trat jedoch auf der Stelle. Obwohl die Orchestermusiker hier ihre eigene Existenzgrundlage hatten, fühlten sich diese in der Oper „nicht als Musiker, sondern als Musikanten“.

Da nach dem ersten Weltkrieg Musik und Theater nicht mehr nur ein Privileg der Reichen war und immer mehr Menschen Opern- und Konzertaufführungen besuchten, entstand schon 1919 (!) die Idee eines zweiten Orchesters, darunter eines eigenständigen Opernorchesters. Jedoch verteidigten Arthur Nikisch (Oper) und Karl Straube (Thomaskantor) die „Unantastbarkeit“, um die historisch gewachsenen drei Wirkungsbereiche in Oper, Gewandhaus und Thomaskirche zu sichern. Außerdem entwickelte sich durch schnelle Verkehrsverbindungen eine umfangreiche Gastspieltätigkeit innerhalb Deutschlands und der Welt. Auch heute hört man immer wieder von Gewandhausmusikern die von Arthur Nikisch formulierte und umgesetzte Auffassung, dass es dem Bedürfnis der Künstler entspreche, der „Monotonie des Opernspielens ein Gegengewicht im Spielen klassischer Konzertmusik zu bieten“.

Die gleichzeitige Aus- und Weiterbildung der Musiker im Opern- und Konzertdienst ist ein künstlerischer Vorteil, was auch für die jahrzehntelange Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater eminent wichtig ist. Deshalb wuchs das Gewandhausorchester in der Verwaltungsstruktur als  städtisches Orchester in den 1920-er Jahren von rund 100 auf 160 Musiker.

Diese Tradition wurde auch durch die bedeutenden Gewandhauskapellmeister, wie Hermann
Abendroth, Franz Konwitschny und Kurt Masur, fortgesetzt, was letztlich die Basis für das Orchester von Weltgeltung ist. Diese Struktur bietet die notwendige bezahlbare Flexibilität, um gleichzeitig in der Oper neben Barock- auch opulente Wagneropern und im Gewandhauskonzert nicht nur Sinfonien zu spielen sowie Gastspielorchester entsprechend dem Repertoire zu formieren. Deshalb ist  der Vorschlag des FDP-Fraktionsvorsitzenden Reik Hesselbarth zur Bildung eines eigenständigen und vom Gewandhausorchester getrennten Opernorchesters aus künstlerischer und finanzpolitischer Sicht für Oper und Gewandhaus gleichermaßen tödlich.

 

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