Wiederwahl des Gewandhauskapellmeisters und erneute Bestellung des Ersten Betriebsleiters des Gewandhauses zu Leipzig
Sie haben von mir noch nie das Wort „alternativlos“ gehört und Sie werden es von mir auch nicht hören. Wenn Sie heute der Vertragsverlängerung von Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly und von Gewandhausdirektor Andreas Schulz zustimmen, würde ich mich allerdings freuen, wenn Sie es im Zusammenhang mit der Zukunft unserer Kultur-Eigenbetriebe auch nicht mehr verwenden.
Vor genau einem Jahr haben Sie mit reichlicher Mehrheit zugestimmt, dass der Oberbürgermeister bis zum IV. Quartal 2013 einen Vorschlag zur Neuausrichtung im Sinne einer gemeinsamen Verwaltungsstruktur für die Eigenbetriebe Kultur vorlegt. DIE LINKE hat diesem Beschlussvorschlag nicht zugestimmt, weil er das Ergebnis des einzuleitenden Diskussionsprozesses bereits klar definiert hat. Sie aber haben dem zugestimmt, vor allem die Vertreter von CDU und SPD.
Nicht einmal ein Jahr später wollen Sie davon nichts mehr wissen? Der Oberbürgermeister hat klar gesagt, dass mit Riccardo Chailly und auch mit Andreas Schulz strukturelle Veränderungen im Gewandhaus ausgeschlossen werden. Plötzlich heißt es: Strukturveränderungen müssten langfristig gedacht werden. Das ist richtig, aber Sie, auch Sie Herr Oberbürgermeister, haben vor zwölf Monaten beschlossen: „Die Umsetzung des Vorschlages und die Betriebsaufnahme der neuen Struktur erfolgt zum 1. August 2015.“ Die Landesdirektion hat die Genehmigung für den Haushalt unserer Stadt nur unter der Auflage erteilt, dass dieser Beschluss umgesetzt wird. Nun bin ich weit entfernt davon, mich mit der Landesdirektion gemein zu machen. Ernst nehmen sollten wir sie allerdings schon. Im Falle der Nichtgenehmigung des Haushaltes sind alle freiwilligen Leistungen vakant. Alle! Auch der Zuschuss für das Gewandhausorchester.
Seit 2011 arbeiten alle Häuser am sogenannten Actori-Prozess mit. Die Debatte verlief immer konstruktiv. Das hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Umso ernster sollten wir diesen Prozess allerdings nehmen. In solcher Gründlichkeit hat es ihn in den vergangenen zwanzig Jahren nicht gegeben, und er wird sich auch in den nächsten zwanzig Jahren nicht wiederholen. Dahinter steht auch ein enormer Arbeitsaufwand der Häuser, und an keiner Stelle hat sich bislang ein Intendant der vier Häuser herausgenommen zu sagen: Mit mir nicht.
Bis jetzt.
Ich denke mal laut: Das Zusammengehen von Gewandhaus und Oper als Option ist passé. Dann sitzen wir in fünf Monaten hier und sind vielleicht gezwungen, Oper und Schauspiel zusammenzulegen. Aus der verwaltungsseitigen Zusammenlegung würde früher oder später eine Fusion. Wer sich ernsthaft mit dieser Option auseinandersetzt, wird kaum bestreiten, dass das Gewandhausorchester sich einem solchen, dann entstandenen, Moloch kaum unterwerfen würde. Die Oper würde ein eigenes Orchester brauchen. Für die Größe des Gewandhausorchesters gäbe es dann möglicherweise keine Rechtfertigung mehr. Im schlimmsten Fall legen Sie heute die Weichen für die Verkleinerung des Gewandhausorchesters. Wollen Sie das?
Jetzt werden Sie sagen, Mensch Jennicke, jetzt bleiben Sie mal auf dem Teppich. Ja, ich bleibe dort und analysiere die Optionen, die aus dem heutigen Beschluss folgen könnten.
Warum legen Sie, Herr Oberbürgermeister, uns heute diesen Beschluss vor? Warum nicht erst im Herbst, wenn der Actori-Prozess beendet ist?
Und es sind weitere Fragen offen: Warum werden beide Personalien in einer Vorlage abgestimmt? Welcher städtische Angestellte genießt den Vorteil, zwei Jahre vor Vertragsbeginn Sicherheit zu haben? Warum beantworten Sie, Herr Oberbürgermeister, nicht die Frage, wer die Gage von Riccardo Chailly bezahlt, sondern betonen ausschließlich, dass der Zuschuss des Gewandhauses nicht erhöht wird? Warum hat das Gewandhaus seit sechzehn Monaten keine Verwaltungsdirektion, wenn Sie ohnehin davon ausgehen, am GWH ändert sich nichts? Wieso sind Sie nicht so konsequent und beenden den Actori-Prozess?
Kein Mensch hat gesagt, dass Strukturveränderungen schmerzfrei zu haben sind. Sie sind immer unbequem, und es bleiben immer Dinge oder Menschen auf der Strecke. Ich in aber Demokratin genug, dass ich Beschlüsse des Stadtrates für verbindlich halte (noch dazu, wenn diese Beschlüsse gerade einmal zwölf Monate alt sind). Nach dem Beschluss von vor einem Jahr ging es mir seit diesem darum, möglichst sinnvolle Alternativen zur Auswahl zu haben. Auch als LINKE kann ich mich dem schwindenden finanziellen Handlungsspielraum der Kommunen nicht entziehen, auch wenn ich ihn, im Unterschied zu einigen Herren hier im Saal, nicht für ein Naturgesetz halte. Im Rahmen von Actori war für mich immer die Maßgabe, Strukturveränderungen ja, wenn sie den künstlerischen Betrieb befördern und den Bedürfnissen der Häuser entgegenkommen. Erst im zweiten Schritt sollten wir Einsparpotenziale prüfen. Denn eins ist klar: Der Stadtrat kann unmöglich am Ende des Actori-Prozesses sagen: Alles bleibt, wie es ist.
Ich betone nochmals, dass die künstlerische Leistung von Riccardo Chailly nicht hoch genug zu bewerten ist. Chailly tut dem Gewandhausorchester gut, sein Klang ist tatsächlich einzigartig. Wir als LINKE lehnen es jedoch ab, dass mit der Bindung eines einzigen Künstlers die Zukunft der gesamten Eigenbetriebe Kultur festgelegt wird. Erst müssen wir die Strukturdebatte zu Ende bringen, dann können wir über Personen sprechen.
Wenn Sie heute den beiden Personalien zustimmen, legen Sie Strukturen über Jahre fest. Sagen Sie dann aber bitte im Herbst nicht: das eine oder andere wäre alternativlos. Es könnte sein, dass Ihnen die Bürgerinnen und Bürger das nicht glauben wollen.
Rede zur DS V/3076 "Wiederwahl des Gewandhauskapellmeisters und erneute Bestellung des Ersten Betriebsleiters des Gewandhaueses zu Leipzig" zur Ratsversammlung am 10.7.2013

