Trotz aller Risiken, trotz aller Bedenken – "Ja" zur Halle 7
Die Leipziger Kultur kennt einige Stiefkinder. Dazu gehörte bis vor wenigen Jahren die Musikalische Komödie und dazu gehört seit Jahrzehnten das Naturkundemuseum. In der Muko haben wir die Trendwende geschafft: Mit einem Intendanten, der für die kleine Opernform, das Musical und die Operette brennt und sich offensiv zu seinem „kleinen Haus“ bekennt und Stadtratsentscheidungen, die endlich auch die notwendigen baulichen Voraussetzungen schaffen, damit das Haus in Würde spielfähig ist. Beim Naturkundemuseum können wir heute die Trendwende einleiten.
Das ist aber gar nicht so einfach und wird vermutlich ohne viel Euphorie geschehen. Doch ehe ich auf einige Herausforderungen zu sprechen komme, die mit der Vorlage verbunden sind, will ich etwas anderes herausstellen, was bei der aufgeheizten Diskussion um das Naturkundemuseum in den letzten Wochen leicht in Vergessenheit geraten konnte: Wir beschließen heute nicht nur einen neuen Standort für das Naturkundemuseum, sondern lösen ein ebenfalls seit Jahren wenig glücklich bearbeitetes Thema: Ein Theaterhaus für die Freie Szene. Die letzten Jahre haben hier zu deutlichen Reibungsverlusten geführt. Was 2002 einmal als Leipziger Zentrum für freies Theater in der Feinkost begann, mündet nun in einer Spielstätte für das Leipziger Tanztheater (LTT) und das Lofft sowie neuen Probenmöglichkeiten für das Theater der Jungen Welt. Ich will den Erfolg, den das bedeutet, keinesfalls klein reden, zu viel Energie habe ich auch persönlich neben vielen anderen in dieses Vorhaben seit 2009 gesteckt. Um wirklich den Sprung in die Bundesliga des freien Theaters zu schaffen, bleibt noch viel zu tun. Wir sollten nach den Anlaufjahren evaluieren, ob wir uns mit dem Lofft als Theaterzentrum nicht doch messen lassen wollen mit Spielstätten wie Kampnagel (Hamburg), Sophiensäle, Hebbel am Ufer (Berlin), Mousonturm (Frankfurt am Main) und Forum freies Theater in Düsseldorf. Das neue Umfeld eröffnet neue Möglichkeiten: Öffnung hin zu bildender Kunst, Verbindungen mit Tanz- und Bewegungskunst sowie Performance. Ich verbinde mit der Ansiedlung von LTT und Lofft die Hoffnung, dass wir den zeitgenössischen Tanz in unserer Stadt stärken. Denn auch er wurde stiefmütterlich behandelt in den letzten Jahren mit der Schließung der Tanz- und Choreografieausbildung an der HMT und der Oper, mit der Auflösung des Tanztheaters am Schauspiel. Und trotzdem hat der professionelle Tanz in Leipzig eine starke Lobby und vor allem hervorragende Künstler/-innen, die allerdings viel zu oft ihr Geld auf Kreuzfahrtschiffen verdienen müssen. Aber ich erlaube mir, den Umstand, dass der Dachverband Tanz im November vergangenen Jahres seine Jahrestagung in Leipzig ausrichtete als gutes Omen und Signal zu werten. Ich wünsche in jedem Fall Lofft und LTT einen gelungenen Start am neuen Ort, wenn es denn soweit ist. Er wird seine Kreise ziehen und ein Impuls in die freie Szene unserer Stadt sein.
Doch nun zum Kernthema, das uns alle in den letzten Wochen sehr in Beschlag genommen hat: Das Naturkundemuseum. Es bleibt festzuhalten: Die Halle 7 ist mit ihrer Lage außerhalb des Innenstadtringes ein suboptimaler Standort. Er ist allerdings – und ich scheue mich, das zu sagen – last exit. Die Verwaltung hat in den letzten Jahren elf Standorte geprüft. Keiner hat überzeugt, aber im Ergebnis hat dieser zähe Prozess eine Menge Vertrauen gekostet. Unterm Strich sind am Standort Lortzingstraße Investitionen in Höhe von geschätzten 15 Mio. Euro notwendig, die rein kommunal aufzubringen wären. Das ist angesichts der Herausforderungen im Schul- und Kitabau kaum darstellbar. Deswegen sagen wir als Fraktion DIE LINKE "Ja" zum neuen Standort in der Baumwollspinnerei. Aber nicht ohne Bedingungen. Wenn es gelingen soll, die prognostizierten 140.000 Besucher jährlich nach Neu-Lindenau zu locken, dann müssen sowohl Dauerausstellung und Sonderausstellungen so attraktiv sein, dass diese Besucher die Anfahrt in Kauf nehmen.
Deswegen werden wir dem Beschlussvorschlag nur zustimmen, wenn wir heute auch beschließen, dass es bis zur Eröffnung eine ÖPNV-Anbindung des Museums an die Innenstadt gibt. Wenn das Museum Zentrifugalkraft entwickeln soll, die die Randlage wettmacht, dann dürfen wir bei der Ausstattung nicht knausern. Die Neufassung des Grundsatzbeschlusses nimmt wesentliche Punkte unseres Änderungsantrages auf. Die neue Leitung des Museums, die wir unverzüglich berufen sollten, muss auch schon in der Vorbereitungsphase personellen Spielraum haben, um das Konzept zu entwickeln und vor allem die Sammlung aufzubereiten. Durch die mangelnde Personalausstattung der letzten Jahre ist da enorm viel liegengeblieben, was es aufzuholen gilt. Um die ebenfalls zwingend notwendigen Kooperationen anzugehen, ist eine Erhöhung des Zuschusses erforderlich. Dem trägt die Neufassung mit einem Bekenntnis zum Stellenaufwuchs und in Aussicht gestellten erhöhten Zuschuss Rechnung. In dem von den Dezernaten Finanzen und Kultur vorgelegten Finanzierungsplan zur Halle 7 sieht das schon anders aus. Neben den erheblichen finanziellen Mitteln laufen hier im Förderzeitraum bis 2032 jährliche Kosten zwischen 375.000 und 516.000 Euro auf. Diese sind bislang nicht gesichert. Sollten diese im Budget des NKM veranschlagt werden, müssen sie zwingend zusätzlich eingestellt werden. Denn sonst bliebe vom Zuschuss für das Museum nicht viel übrig.
Wenn Sie, Herr Bonew zusichern, dass die Objektkosten separat im Haushalt abgesichert werden, könnten wir unseren ÄA 3 zurückziehen.
Sollten wir heute den Beschluss fassen, dass das NKM auf dem Gelände der Baumwollspinnerei angesiedelt wird, dann geht ein jahrelanges Ringen zu Ende. Dann erlaube ich mir, mich zu freuen auf das, was kommt. Und ich bin sicher, dass der Standort dann auch seine ganz eigenen Qualitäten entfaltet. Dass eine Verbindung von Naturkunde und Kunst möglich ist, beweist aktuell das Wiener Naturhistorische Museum. Dort hat die „Venus von Willendorf“, ein Fundstück aus der Altsteinzeit, den populären Künstler Jeff Koons inspiriert, sich künstlerisch mit ihr auseinanderzusetzen. Beide werden dort derzeit ausgestellt.
Bei allen Bedenken, bei allen Risiken. Wir haben nur noch diese eine Chance. Und ich wünsche der Vorlage nach Beschluss der Änderungsanträge eine möglichst breite Zustimmung.
Rede zu den Drucksachen DS 00517 "Naturkundemuseum Leipzig - Grundsatzbeschluss und Standortentscheidung" und DS 01580 "Bestätigung von überplanmäßigen Auszahlungen nach § 79 (1) SächsGemO im HH-Jahr 2016 und einer überplanmäßigen Verpflichtungsermächtigung gemäß § 81 SächsGemO im HH Jahr 2016 (kw 2017) zur Kofinanzierung der Ertüchtigung, Sanierung und des Umbaus der Halle 7 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei mit dem Ziel der Schaffung einer kulturellen Gemeinbedarfseinrichtung - Neufassung".

