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Strukturveränderungen sind Alltag

Dr. Skadi Jennicke

Müssen wir uns den Oberbürgermeister als einen glücklichen Menschen vorstellen? Anders als seine KollegInnen in Schwerin, Rostock, Neubrandenburg, Dessau oder Halle müssen wir in Leipzig, wenn wir von der „zukünftigen Struktur der Eigenbetriebe Kultur“ sprechen, nicht von Schließung, nicht von Spartenabbau, Ensembleauflösung oder Austritt aus dem Bühnenverein, ja aktuell nicht einmal von Haustarifverträgen reden. Dass der Stadtrat sich gleichwohl mit dem Thema „Zukunft und Struktur“ beschäftigt, darf als proaktives Krisenmanagement nicht unterschätzt werden. Denn es könnte auch in Sachsen bald anders kommen, wenn –  selbstredend nach den Landtagswahlen – die Mittel im Rahmen des Sächsischen Kulturraumgesetzes evaluiert und neu verteilt werden. Insofern erweisen die sächsische Staatsregierung und das Rektorat der Uni-Leipzig uns Stadträten und den Eigenbetrieben einen Bärendienst: Wo im blinden Kürzungswahn den Geisteswissenschaften die Flügel gestutzt werden, um als Freistaat in die elitäre Liga der deutschen Geberländer aufzusteigen (für wen auch immer das gut sein soll, erschließt sich mir nicht, aber ich habe eben auch ein geisteswissenschaftliches Fach studiert und kein marktkonforme Verwertungswissenschaft), wo also das Messer an den Geist gesetzt wird, da könnte es sein, dass die Stadtgesellschaft solidarischer wird – dass es dem einen oder anderen heute etwas leichter fällt, sich schützend vor das Bestehende zu stellen, als es der Landesregierung gleich zu tun und im vorauseilenden Gehorsam zu beschneiden.
Gleichwohl: Strukturveränderungen sind Alltag. Die Lebenskultur, insbesondere die städtische, ändert sich. Die Stadtgesellschaft ist heute eine andere als die als vor zehn Jahren – kaum vorstellbar vor zehn Jahren beispielsweise, dass ich als Dramaturgin heute Programmhefte schal finde und doch lieber selbst im Internet anschlussfähigen Texten nachspüre, wenn mich eine Referenz, ein Zitat, eine Filmeinspielung im Theater interessieren. Jeder kann an sich selbst beobachten, wie sich das Nutzerverhalten als Rezipient – ich meide das Wort Konsument – als Rezipient verändert hat. Auf eine solche veränderte Lebenskultur müssen auch die großen Theaterhäuser reagieren. Und sie tun es in ihrer alltäglichen Praxis. Und vielleicht muss man in Abständen in Abwägung der Risiken und Vorteile auch Strukturen verändern. Ob es die richtigen Veränderungen waren, wird man immer erst mit einem Abstand von mindestens zehn Jahren wissen können. Einfacher ist es zu sagen, was man für falsch hält.
Auch wenn wir als LINKE sicher nicht im Verdacht stehen, vorschnell zum Mittel des Personalabbaus, der Konsolidierung oder der Strukturverschlankung zu greifen, haben wir uns in einem intensivem Auseinandersetzungsprozess  zu einem eigenen Vorschlag für die Veränderung der Struktur der Eigenbetriebe durchgerungen. Eine Maxime war für uns dabei bindend: Wenn Strukturveränderungen notwendig sind, um das Bestehende zu schützen, dann sollten sie nicht rein fiskalischen Überlegungen folgen, sondern künstlerischen Mehrwert ermöglichen. Eine Verwaltungsfusion von Oper und Gewandhaus könnte solch einen Mehrwert produzieren. Beide Häuser sind über das Gewandhausorchester, das in beiden Häusern beheimatet ist, aufs Engste verbunden. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist eine Verwaltungsfusion naheliegend, denn immerhin muss die Oper dem Gewandhaus die Einsätze des Orchesters mit jährlich ca 7,5 Mio. Euro vergüten. Ein „Linke-Tasche-Rechte-Tasche-Spiel“, das überflüssig ist. Eine verwaltungsseitige Fusion könnte bis 2020 gut vorbereitet werden, und würde dann, gemäß den Berechnungen von Actori jährlich 1,1 Mio. Euro sparen. Zur Wahrheit gehört auch, dass dies den Abbau von 22 Stellen in der Verwaltung bedeutet.
Für abwegig halten wir den Vorschlag, die Verwaltung von Oper und Schauspiel zusammenzulegen. Hier wird der Weg zu einem Mehrspartenhaus geebnet, auf dem hinter jeder Kurve die Abzweigung Spartenschließung lauert – ich verweise auf die eingangs erwähnten Beispiele in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Künstlerische Schnittmengen gibt es hier bislang nicht. Eine solche Fusion wäre eine Schreibtischtat, die mit der Praxis beider Bühnenbetriebe nur wenig zu tun hat.
Dass die Fraktion der GRÜNEN die Fusion aller drei Häuser vorschlägt, kann ich nur damit erklären, dass ihnen ihr kulturpolitisch engagierter Stadtrat König abhanden gekommen ist, der bei Actori mit am Tisch saß und sicher davon hätte berichten können, dass ein solcher Vorschlag an keiner Stelle sinnvoll und konstruktiv diskutiert wurde.
Aber woraus besteht eigentlich der Stein, den der von mir eingangs als glücklichen Menschen vorgestellte Oberbürgermeister da den Berg hinanrollt? Sprechen wir nur über die Eigenbetriebe, dann bleibt er porös und löchrig. Wenn wir vom Felsgestein der Leipziger Kultur sprechen, gehören die Akteure der Freien Szene zwingend dazu. Und hier sehe ich die größte Chance dieses Diskussionsprozesses, der uns seit zweieinhalb Jahren beschäftigt. Nutzen wir die Qualität und die analytische Ruhe, die ihn – zumindest in meiner Wahrnehmung –  ausgezeichnet haben und setzen diesen Prozess fort, gemeinsam mit Eigenbetrieben und Freier Szene. Einen Vorschlag, wie und zu welchem Zweck das geschehen könnte, haben wir als LINKE in unserem zweiten Änderungsantrag gemacht. Denn bei allem Hype um unsere Stadt, das Stadttheatersystem als solches ist brüchig geworden. Es wird sich ohne – auch strukturell verankerte – Kooperation mit der Freien Szene kaum weiterentwickeln können, wobei hier natürlich auch der Umkehrschluss gilt. Das ist die eigentliche Herausforderung der nächsten zehn Jahre, insbesondere für unsere Stadt, die mit ihrem Angebot an festen und freien Häusern gemessen an der Einwohnerzahl tatsächlich ein Monolith in der bundesdeutschen Kulturlandschaft ist. Wenn wir diesen stets aufs Neue bergauf rollen, dann können wir uns alle als glückliche Menschen vorstellen.  

Rede zur Drucksache 5/3530 "Zukünftige Struktur der Eigenbetriebe Kultur".

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