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Kunst oder Kommerz? Ja zur kulturellen Nutzung der Gottschedstraße 16 (Neue Szene, Skala)

Dr. Skadi Jennicke

Anlässlich des vorliegenden Antrags können wir entscheiden, wie die Zukunft einer städtischen Immobilie in ausgesprochen guter Lage aussehen kann: Kunst oder Kommerz. Es geht um die Gottschedstraße 16, heute wird die dort gelegene Bühne als Probenstätte für das Schauspiel genutzt, Intendant Hartmann nannte es Skala und probierte dort ein grundlegend neues Konzept von Theater aus, das sich abseits vom Repertoirebetrieb und Premierenfixierung erfinden wollte (ein historisch notwendiges Experiment, was allerdings misslang – die Ursachen wären eine wissenschaftliche Untersuchung wert), bis 2008 war diese Bühne allgemein als „Neue Szene“ bekannt, in das sie 1984 umbenannt wurde, nachdem es 36 Jahre lang als Kammerspiele Leipziger Theatergeschichte schrieb.
Der Bühnenraum in der Gottschedstraße 16 hat also eine lange Tradition – insgesamt seit 67 Jahren findet dort Theater statt. 1948 war es eines der ersten Theater, das nach dem Krieg wieder eröffnete, hier waren insbesondere in den achtziger Jahren für das DDR-Publikum wichtige Stücke zu sehen wie beispielsweise „Guevera oder Der Sonnenstaat“ von Volker Braun, das hier 1984 uraufgeführt wurde, nachdem es sechs Jahre lang verboten blieb. Jeder, der bis 1989 in Leipzig lebte, verbindet mit den Kammerspielen oder der Neuen Szene individuelle Erfahrungen oder indirekte Berührungen. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass es sich beim Leipziger Theaterpublikum, zugegebenermaßen dem älteren, um einen Mythos handelt.
Nun hat diese Spielstätte ausgedient. Das ist objektiv fakt. Eine Sanierung kostet ca. 5 Mio Euro. Parallel zum sich stetig verschlechternden Zustand in der Gottschedstraße hat der Mieter der Discothek Schauhaus am Dittringring seinen Mietvertrag auslaufen lassen. Wo getanzt wurde, entstand  2011 Leerraum. Es lag nah, in diesen Räumen mit unmittelbarem Anschluss an das Haupthaus eine Zweitspielstätte für das Schauspiel zu planen. Die Logistik und Disposition des Hauses verbessert sich damit schlagartig, Garderoben, Maske, Fundus, Techniklager etc. können jetzt zentral genutzt und müssen nicht doppelt vorgehalten werden. Insofern begrüßen wir als Fraktion sehr, dass der Eigenbetrieb Schauspiel in den Räumen der Diskothek eine neue Zweitspielstätte bekommt.
Die Frage ist eben nur, was wird aus der Gottschedstraße 16? Die Verwaltung schlägt vor, meistbietend zu verkaufen, um mit dem Erlös, der bei ca. 1 Mio Euro erwartet wird, einen Teil der Baumaßnahme zu refinanzieren. Das leuchtet ein und ist, bezogen auf die Einzelmaßnahme, wirtschaftlich sinnvoll. Aber ist es langfristig und ist es kulturpolitisch sinnvoll? Wir sagen nein! Seit Jahren wächst Leipzig, das hat immense Folgen für den Immobilienmarkt. Freiflächen werden rar, öffentliche Liegenschaften sind kaum mehr vorhanden, um dem erweiterten Bedarf gerecht zu werden. Stattdessen liefert sich die Verwaltung zunehmend Vermietern aus, die ihre kapitalmächtige Verhandlungsposition sattsam ausnutzen. Das liegt in deren Wesen und ihnen ist das mangelhafte Liegenschaftsmanagement der Stadt kaum vorzuwerfen. Hat die Verwaltung nichts gelernt aus den  vergangenen Jahren? Seit mehr als sechs Jahren wird eine Liegenschaft für das Leipziger Tanztheater gesucht, ebenso braucht das Lofft eine neue Spielstätte, von den Liegenschaftskämpfen im Bereich Kita und Schule ganz zu schweigen. Und ist es wirtschaftlich, dass der Eigenbetrieb Musikschule seine Zweigstellen in einem Mietobjekt unterbringt? Für langfristige Nutzungen sind Einmietungen mit Sicherheit nicht rentabel. Es bedarf nur wenig wirtschaftlichen Sachverstandes, um das zu erkennen. Und können wir es uns vor diesem Hintergrund leisten, eine traditionsreiche Kulturstätte meistbietend zu verkaufen, damit ein Investor (ich würde sogar Wetten eingehen, welche zwei, drei Investoren sich interessieren) daraus Luxuswohnungen macht? Nein. Wir vertreten die Auffassung, dass die Gottschedstraße 16 auch zukünftig für Kunst und Kultur genutzt werden sollte. Dabei bietet dieses Haus den immensen Vorteil, dass hier eine Mischnutzung denkbar ist, weil sie bereits seit Jahren praktiziert wird. In der Immobilie ist das Büro der Euroscene ebenso ansässig wie eine Arztpraxis, Künstlerwohnungen und Verwaltungsräume. Insofern sind Befürchtungen, hier könnte ein neuerliches Kulturfass ohne Boden entstehen, zunächst nicht begründet.
Ich bitte Sie daher, machen Sie von ihrem Recht Gebrauch und stimmen Sie für ein nachhaltiges Liegenschaftsmanagement, für kulturellen Freiraum – für Kunst statt für Kommerz!

Rede zum Antrag A 00215 der Fraktionen DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen „Dauerhafte kulturelle Weiternutzung der ehemaligen Theater-Spielstätte Skala“. Er wurde mehrheitlich beschlossen.

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