Freie Theater sichern die kulturellen Hänge
Actori – bei jedem von Ihnen entstehen zahlreiche Assoziationen im Kopf, wenn ich diesen Namen nenne. Der Begriff Actori weckt die Erwartung, dass wir die Eigenbetriebe strukturell durchleuchten und möglicherweise neu ordnen. Auslöser für die wohl langwierigste, aber auch gründlichste Diskussion um die Zukunft unserer vier kulturellen Eigenbetriebe ist eine Finanzierungslücke von mehr als 5,6 Mio Euro. Die Haushaltssituation verlangt von uns Einsparungen – zu guter letzt nimmt diese undankbare Wächterposition die Landesdirektion ein, die uns dazu verlässlich jedes Jahr mahnt. Das ist nicht wegzudiskutieren. Und jetzt kommen die und wollen auch noch ein neues Theaterhaus gründen. Diesmal für die Freie Szene. Ja sind die denn wahnsinnig?
Was hat Actori mit eine Theaterzentrum für die Freie Szene zu tun? Weil die Bemühungen um ein festes Zentrum für Freies Theater damit zusammenhängen. Es ist die Kehrseite der Medaille, auf deren einen Seite wir die Stadttheater bundesweit in Rechtfertigungsdruck treiben, von ihnen verlangen, Quoten zu liefern, Auslastungszahlen zu steigern, Personalausgaben zu vermindern. In den letzten Jahren reduzierte sich die Stellenzahl von Schauspielern an Stadt- und Staatstheatern von 3.000 auf 2.000, also um ein Drittel, insgesamt wurden 6.500 von 45.000 Stellen abgebaut, die Zahl der Gastverträge hat sich mehr als verdoppelt (von 8.000 auf über 20.0000) . Glaubt irgendeiner von Ihnen, das ginge in der Fläche ohne Qualitätseinbußen? Heute gilt: Quantität vor Qualität an jedem Haus – in unterschiedlichsten Ausprägungen und wir in Leipzig haben bis heute großes Glück in dieser Hinsicht.
Diese Entwicklung hat auf der anderen Seite zu einer enormen Professionalisierung der Freien Szene geführt. Längst arbeitet hier nicht mehr eine rotweinselige selbsternannte Aussteiger-Bohéme, sondern nahezu ausschließlich Vollprofis mit exzellenten akademischen Qualifikationen. Die Strukturen haben sich ausdifferenziert, an jedem der Freien Häuser gibt es eine Geschäftsführung, eine Pressestelle und nicht selten auch eine Dramaturgin oder Kuratorin. Die Schauspieler, Tänzer, Regisseurinnen und Choreografinnen stehen hinsichtlich ihrer Qualifikationen denen der großen Häuser in nichts nach. Die künstlerischen Produktionen entstehen nicht selten auf andere Weise, oft erzwungenermaßen, viel öfter jedoch, aus jener Freiheit heraus, die der Szene den Namen gibt. Wesentlicher Unterschied ist, wie es Mathias von Hartz formuliert: Bei den großen Häuern ist erst das Geld da und dann der Inhalt, bei den Freien Häusern ist es umgekehrt.
Diese Professionalisierung hat zu einer deutschlandweit, europäisch und international vernetzten Szene geführt, denn ohne Kooperationen läuft angesichts der Kassenlage oftmals gar nichts. Leipzig spielt in diesem Netzwerk bislang nur eine untergeordnete Rolle. Zwischen Kampnagel Hamburg, dem Frankfurter Mousonturm, dem Theater in der Gessnerallee in Zürich, den Berliner Sophiensälen oder dem Forum Freies Theater Düsseldorf ist Leipzig nicht mehr als eine schnell zu überlesende Fußnote. Das ist aus meiner Sicht unserer Stadt als Kulturstadt nicht angemessen. Den hier arbeitenden Künstler wird das nicht gerecht. Dafür spricht ihre Qualität, die ihren Preis hat. Zum Beispiel:
Dr. Otto-Kasten-Preis der deutschen Intendanten
Kunstpreis der Stadt Leipzig
Leipziger Bewegungskunstpreis
Kunstpreis der DDR
Tänzer des Jahres
Bremer Autoren- und Produzentenpreis
Jugendkunstpreis der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung
Friedrich-Luft-Preis
Um nur eine kurze Auswahl zu benennen.
Ich breche hier ab. Viel wäre noch zu sagen über die Zukunft der Leipziger Theaterlandschaft im bundesweiten Kontext.
Wir wollen hier und heute zu einem Beschluss kommen, der eine lange Geschichte hat. Ich erspare mir diese. In dieser Geschichte spielt das Kulturamt bislang leider nicht die Rolle des Ermöglichers, Beförderers, der mit einladender Geste den Akteuren zur Seite steht. Viel Porzellan ist hier zerschlagen worden, viel menschliche, auch unternehmerische, Energie ungenutzt verpufft.
Unser Antrag ist seit über zwei Jahren im Verfahren. Zwei Jahre haben wir der Verwaltung vertraut und sind enttäuscht worden. Zweimal allein in diesem Jahr wurde uns eine Vorlage versprochen. Vergeblich. Wir haben uns entschlossen, unseren Antrag, der sich ursprünglich nur auf das Leipziger Tanztheater bezog, auf das inzwischen kompaktere Projekt "Theaterhaus im Leipziger Westen" auszuweiten. Dass die Verwaltung den Antrag mit dem Hinweis, sie handele bereits, ablehnt, hat eine zynische Note. Es ist seit mindestens zwei Jahren, als Lofft, Schaubühne, Tanztheater und Lindenfels Westflügel in einer denkwürdigen Kulturausschusssitzung performativ ihren Willen zur Gemeinschaft bekundeten, der erklärte Wille des Ausschusses, dieses gemeinsame Projekt zu realisieren. An der Politik ist das Vorhaben bislang nicht gescheitert. Und ich hoffe, auch heute gelingt ein Beschluss in diesem Stadtrat.
Ein positives Votum hieße auch, den Rat der Preisträgerin des Leipziger Neuberin-Preises Nele Härtling folgen, die bereits 2004 vor dem Hintergrund von Kürzungen sagte: "Als Zukunftsszenario droht keine kulturelle Versteppung, sondern ein kultureller Bergrutsch. Denn die vielen kleinen Bäume, die mit ihren Wurzeln den Hang sichern, werden gerodet zugunsten von Skipisten für die Eventkultur. Freie Theater sichern die kulturellen Hänge."
Ich bitte sehr um Ihre Zustimmung, um Leipzig als Kulturstadt auf einem Feld zu stärken, das immer ein wenig kurz kommt, aber nicht minder bedeutungsvoll für unsere Stadt ist.
Rede zum Antrag A 130 der Fraktion DIE LINKE "Standort für das Leipziger Tanztheater e. V." Er wurde im Sinne des Verwaltungsstandpunktes angenommen.

