Fördermittel Freie Szene Kultur bis 2015
Mit dem heute zur Abstimmung stehenden Änderungsantrag des Fachausschusses Kultur erreichen wir das Ziel nicht. Es sind keine 5%, weder 2013 noch 2015. Aber es ist ein Kompromiss, mir geht er nicht weit genug, aber er ist das Ergebnis der Verhandlungen aller kulturpolitischen Sprecher. Ich bin dennoch froh, dass wir einen solchen Kompromiss gefunden haben.
Zur Geschichte hat Herr Leuze schon ausgeführt. Dazu will ich mich jetzt nicht auslassen. Aus meiner Sicht besteht jedoch die Gefahr, dass die Diskussion um die 5 % auf die monetären Aspekte verkürzt wird. Was ist denn eigentlich Freie Szene? Die Freie Szene ist längst nicht mehr das Sammelbecken für die Rotweintrinker-Bohème, die sich darin gefällt, ihre prinzipielle Unzufriedenheit mit der konservativen Elite im Allgemeinen und dem Staat im Besonderen in einem subtilen Gegenentwurf ihres Lebens auszudrücken. Dieses Bild, wenn es denn je passend war, ist hoffnungslos überholt. Nein, in der Freien Szene ereignet sich Basisarbeit. Die Freie Szene ist das kulturelle Fundament unserer Stadtgesellschaft. Im soziokulturellen Zentrum lernen Heranwachsende Kulturtechniken, ob Theaterspielen, Singen, Breakdance oder Pantomime. In den Cammerspielen oder im Theatrium ist die ungebremste Spielfreude von Laien zu erleben, während im Lofft der professionelle Nachwuchs und die etablierten Profis jeden Abend die Grenzen des künstlerisch Machbaren austesten, im Leipziger Tanztheater wächst eine ganze Generation von Nachwuchstänzern heran, in den vielen, vielen Chören unserer Stadt wird mit Leidenschaft gesungen, und hätten wir das Forum Zeitgenössische Musik Leipzig nicht, wäre es ganz schön schlecht bestellt um die Neue Musik in unserer Stadt. Und auch die nachwachsenden Autoren unserer Stadt brauchen eine Bühne, brauchen Raum und Aufmerksamkeit, damit sich ihre Werke entfalten können. Gleiches gilt für die Bildende Kunst, um deren Vitalität wir andernorts beneidet würden.
Und auch der Hörspielsommer, den Sie, Herr Jung, jüngst in der Zeit so lobend erwähnt haben, ist Teil der Freien Szene und ein Alleinstellungsmerkmal im Kulturkalender unserer Stadt.
Die meisten Akteure, die ich jetzt hier genannt habe und die meisten jener, die ich nicht genannt habe, sind Menschen mit einem hoch spezialisierten künstlerischen Abschluss. Sie wollen und sie müssen von dem, was sie können, leben. Weil wir nämlich eine Stadt sind, wo man mit Kellnern und Taxifahren nicht genug verdient, um sich Kunst als Sahnehäubchen über dem tristen Bodensatz des Alltags leisten zu können.
Oft investieren die Akteure ihre gesamte gegenwärtige Lebenszeit in die Projekte und haben gar keine Zeit, anderweitig Geld zu verdienen.
Manche nehmen dafür in Kauf, von 300 Euro im Monat zu leben, um die von ihnen betriebene Galerie täglich zu öffnen und das ganze Jahr über ein wechselndes hochwertiges Programm anbieten zu können.
Selber schuld, sagen Sie? Nein, ich lebe gern in einer Stadt, wo diese Menschen leben, die sich engagieren, die an ihre Sache glauben, die das Leben von uns allen mit künstlerischer Kreativität auf der Basis von solidem Handwerk und künstlerischer Ausbildung bereichern.
Und selbst jene, die eine Festanstellung haben und in den freien Häusern Abend für Abend die Eintrittskarten abreißen und gleichzeitig die Bühne wischen, während sie schon an der Pressemitteilung für die Veranstaltung des nächsten Tages schreiben, bei der sie dann bis weit nach Mitternacht Bardienst haben, jene engagierten Menschen leben teilweise von Gehältern, die mir die Schamesröte ins Gesicht treiben.
Und wenn ich dann aus den Reihen der CDU höre, Vereine müssten sich durch ehrenamtliches Engagement tragen, dann platzt mir fast der Kragen. Wenn Sie das forum thomanum meinen, sicher, obwohl auch dieser Verein eine kräftige jährliche Förderung erhält. Aber 99 % der von uns geförderten Vereine können gar nicht ausschließlich von ehrenamtlichem Engagement leben, weil auch Ehrenamt verwaltet werden muss. Es ist mittlerweile Standard, dass die Vereine Fördermittel aus allen möglichen Töpfen organisieren, sachsenweit, bundesweit, europaweit. Wir erwarten von den Kulturakteuren ein hohes Maß an Qualität, beispielsweise im Feld der kulturellen Bildung. Dort sind Qualifikationen notwendig und richtig, die man vom Ehrenamt nicht erwarten kann. Ehrenamt ist wichtige und notwendige Ergänzung. Aber die Basis muss von professionellen Kräften geleistet werden. Und sie ist es wert, gefördert zu werden.
Ich wiederhole noch einmal: Die Freie Szene ist das kulturelle Fundament unserer Stadtgesellschaft. Jede kulturelle Initiative bereichert unsere Stadtgesellschaft. Nicht alle können auskömmlich gefördert werden. Das ist klar und das erwartet auch niemand. Um aber nachzuvollziehen, wer wie warum gefördert wird, bedarf es einer transparenten Fachförderrichtlinie. Aber das ist das nächste Kapitel. Heute bringen wir zunächst die erste Kuh vom Eis: wir sagen ja zu 5 % und zu dem Änderungsantrag des Fachausschusses!
Redebeitrag zur DS V/2115 "Fördermittel Freie Szene Kultur bis 2015"

