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Ein Theater setzt sich durch

Klaus-Dieter Bartig

Doch die Freude ist nicht ganz ungetrübt! Wenn sich im September 2003 der finanziell nicht eingeplante Bühnenvorhang heben sollte, werden es sich die Zuschauer wahrscheinlich auf mitgebrachten Klappstühlen, Luftmatratzen oder Obstkisten notdürftig gemütlich machen. Sie haben richtig gehört! Geld für eine Theaterbestuhlung ist nicht eingestellt!

Übermorgen, am 16.11.2001, begeht das „BAGAGE“, das Theater der Jungen Welt, den 55. Jahrestag seines Bestehens und ist damit das älteste seiner Art in Deutschland.

Damals, also 1946, stellte die Stadt Leipzig einen Betrag von 100.000 Mark für den Ausbau dieser Jugendbühne bereit. Vergleichbare Kinderbühnen gab es zu diesem Zeitpunkt nur in der Sowjetunion, in Schweden oder in Amerika.

Hunderttausend Mark! Aber keine Kohlen!

In ungeheizten Räumen wurde gespielt, doch das tat der Begeisterung der Schauspieler keinen Abbruch. Begeisterung für ein Kindertheater gehört dazu – zumal die Gage damals nur 120 Mark betrug.

Doch mit seiner Gründung 1946 begann für dieses Theater eine Odyssee, die bis heute anhält.

Ständig wechselnde Spielstätten erschwerten die Arbeit für das Ensemble ungemein. Weißer Saal, Haus „Leipzig“, Zelt auf dem Jahrtausendfeld sind nur einige Stationen dieser Odyssee, die vom Ensemble und auch vom Publikum zu meistern waren und zu meistern sind.

Wir sind noch da! Dieser etwas trotzige Ruf zeigt, dass das Ensemble auch im 55. Jahr seines Bestehens hinter seinem Theater steht. Doch nun scheint endlich die Zeit der Interimslösungen für das Theater und das Ensemble vorbei zu sein.

Im September 2003 soll die Spielzeit im neuen ersten festen Haus am Lindenauer Markt beginnen.

Nach 56 Jahren hat eines der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendtheater (vergleichbare Bühnen gibt es nur noch in Berlin, Halle, München und Dresden) endlich eine feste Spielstätte.

Und hier gilt mein Dank der Verwaltung und auch Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren Stadträte, denn indem Sie im September 96 dem Betreiberkonzept „Theaterhaus am Lindenauer Markt“ zustimmten, gaben Sie diesem Theater mit seiner wichtigen theaterpädagogischen Arbeit eine Zukunft.

In Zeiten von Drogenmissbrauch, Gewalt, Extremismus und Kürzungen im Jugend- und Kulturbereich wächst die politische Verantwortung für ein solches Theater.

Das Lebensgefühl junger Menschen abzubilden, dicht am Leben sein, Reibungen provozieren, Konventionen in Frage stellen – und das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger! – ist das Ziel der Theatermacher vom „BAGAGE“. In diesen Zeiten eine Arbeit, die man nicht unterschätzen darf. Dazu kommt noch, dass durch die Tätigkeit dieses Theaters das zukünftige Publikum für unsere großen Häuser heranwächst.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, indem wir der heutigen Vorlage zustimmen, bekennen wir uns zu diesem Theater und seinem Ensemble!

Die Verwaltung hat es schon getan, indem dem Vorhaben „Theaterhaus am Lindenauer Markt“ nun endlich oberste Priorität innerhalb der Baumaßnahmen im Kulturdezernat eingeräumt wurde.

Ein Theater muss sein eigenes Flair entwickeln können – als Treffpunkt für seine jugendlichen Zuschauer jenseits von Flipperautomaten und Pommesbuden. Und dies geht nur mit und in einem festen Haus.

Doch die Freude ist nicht ganz ungetrübt!

Wenn sich im September 2003 der finanziell nicht eingeplante Bühnenvorhang heben sollte, werden es sich die Zuschauer wahrscheinlich auf mitgebrachten Klappstühlen, Luftmatratzen oder Obstkisten notdürftig gemütlich machen. Sie haben richtig gehört, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Geld für eine Theaterbestuhlung ist nicht eingestellt! Ebenso wenig wie für einen Lastenaufzug! Und auch die Bühnenseilzüge müssen manuell bedient werden.

1946 hatte das Theater keine Kohlen, 2003 keine Bestuhlung, etwas makaber – oder?

Ich hoffe, dass die Verwaltung ein Einsehen hat und doch noch zusätzliche Mittel für Technik und Ausstattung bereit stellt. Die Fraktion der PDS wird den 3. Bauabschnitt sehr kritisch begleiten!

Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung. Dass das Theater der Jungen Welt „BAGAGE“ aber nicht nur Forderungen stellt, sondern selbst etwas unternimmt, um Gelder zu akquirieren, sieht man an der Aktion „Ein Theater setzt sich durch“.

In Zusammenarbeit mit Frau Gerda Viecenz, Geschäftsführerin des Bundes der bildenden Künstler, und meiner Person wurde diese Spendenaktion ins Leben gerufen.

Auch Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, können einen Theaterstuhl mit Ihrem Namensschild für 1000,- DM erwerben oder einen von 300 alten Stühlen ersteigern, welche von bekannten bildenden Künstlern gestaltet werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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