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Der Weg vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis ist nicht der eines einfachen Analogieschlusses

Dr. Skadi Jennicke

„Der Weg vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis ist nicht der eines einfachen Analogieschlusses.“ Diese so einfach und überzeugend klingende Wahrheit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann haben wir alle, die Leipziger Stadtgesellschaft – also auch wir Stadträtinnen und Stadträte – in den letzten Monaten, wenn nicht gar Jahren, am eigenen Leib erfahren. Wie anders ist der zum Teil erbittert geführte Streit um das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal zu erklären? Jede und jeder, der daran in irgendeiner Weise beteiligt ist, glaubt zu wissen, wie man der Ereignisse des 89er Herbstes erinnern sollte. Jeder ist Zeitzeuge, denn wir alle waren im Herbst 1989 bereits auf der Welt. Manche waren bereits bei den Montagsgebeten von Pfarrer Führer dabei, andere reihten sich erst in den Zug der Montagsdemonstrationen ein, als bereits der Ruf erschallte „Wir sind ein Volk“, wiederum andere prägte vor allem die Aufbruchsstimmung der Neunzigerjahre, die sie nach Leipzig lockte, andere sehen ihre Utopie vom Dritten Weg in Scherben, für viele sind die Folgen von 89 bedeutsamer als die Erfahrung des „Dabei-gewesen-seins“. Für alle aber gilt das alte Diktum: Subjektive Erfahrung ist nicht diskursiv, sie ist immer wahr. 
Diese Eigenheit individueller Erfahrung gilt es zu respektieren, ohne jegliche Einschränkungen – auf allen Seiten zu jeder Zeit.
Wie aber kondensiert individuelle Erfahrung zum kollektiven Gedächtnis? „Es […] stützt sich auf Erzählungen, die wie Mythen und Legenden eine narrative Struktur und klare Aussage haben. Schließlich existiert es nicht als ein labiles und flüchtiges Gebilde, sondern beruht auf symbolischen Zeichen, die einzelne Erinnerungen auswählen, fixieren, verallgemeinern und über die Grenzen der Generationen hinweg tradierbar machen.“/1/  Wenn Aleida Assmann hier von Erzählungen mit mythologisch-narrativer Struktur und klarer Aussage spricht, dann wird schnell offenkundig, warum die Bemühungen um ein Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal heute voraussichtlich zu einem vorläufigen Ende kommen: Die Erzählungen sind noch zu disparat, zu vielfältig die Perspektiven, klare Aussagen, einfache Antworten nicht zu haben.
Ich halte das für eine Qualität und warne davor, die Geschichte hegemonial einebnen zu wollen, wie das zuweilen geschieht. Torben Ibs beispielsweise betrachtet das Lichtfest als ein solches Instrument der Einebnung, wenn er in einem lesenswerten Aufsatz zu diesem „Ritual der Erinnerung“ in einem kürzlich von der Leipziger Theaterwissenschaft herausgegeben Sammelband schreibt: „Die Geschichte wird auf das gültige Narrativ zugerichtet.“/2/  In der Historiografie wie auch in der Politik ist die Perspektive der Ausgegrenzten und Verstummten stets bedenkenswert und wertvoll.
Vielleicht fürchten sich viele Leipzigerinnen und Leipziger genau davor: dass ihre individuelle Erfahrung in einer kollektiven, hegemonial zugerichteten Erzählung verloren geht, verschwiegen, ausgegrenzt wird. Die Angst vor dem von der Fraktion DIE LINKE zur Abstimmung gestellten Bürgerentscheid nährt genau diese Befürchtungen. Wollen wir wirklich – 25 Jahre nach dem Systemumbruch – zugeben, dass wir Angst haben, die Bürgerinnen und Bürger um Ihre Meinung zu fragen?
Die von der Verwaltung zu diesem Punkt angeführte Argumentation rüstet da eher auf als ab, wenn sie ins Feld führt, es handele sich beim Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal um ein „Nationaldenkmal“. Die Engstirnigkeit dieses Begriffs treibt mir fast die Schamesröte ins Gesicht. Mit etwas Wohlwollen sehe ich so etwas ähnliches wie eine nationale Implikation auf administrativer Ebene, denn tatsächlich sind Bund, der Freistaat und die Kommune beteiligt. Aber dem Geiste nach wünschen wir uns hoffentlich alle hier im Saal kein Nationaldenkmal. Der Begriff der Nation ist zu Recht anachronistisch, und er trifft auf den Gegenstand nicht zu. Entweder wollen wir an die Leipziger Ereignisse im Herbst 89 erinnern, dann sollten wir fragen, ob die deutsche Einheit tatsächlich von Leipzig ausgegangen ist. Oder wir wollen an den Systemumbruch im Ostblock erinnern, und der ist ohne transnationale Perspektive überhaupt nicht zu begreifen. Also, wenn es sich um ein Leipziger Freiheitsdenkmal handeln soll, dann ist es mehr als legitim, die Leipzigerinnen und Leipziger zu befragen.
Meine Damen und Herren, dem Änderungsantrag der Fraktionen CDU, SPD und Grüne entnehme ich, dass es einen breiten Konsens darüber gibt, das Wettbewerbsverfahren zu beenden und zu einem späteren Zeitpunkt neu und modifiziert aufzulegen. Vielleicht tut sich mancher hier im Saal nach wie vor mit dieser Entscheidung schwer. Sie sollten sich nicht als Verlierer verstehen. Verlieren kann nur, wer gewinnen will. Und von den „Siegern der Geschichte“ haben wir hier in Leipzig vielleicht auch genug. Unsere Entscheidung heute wäre als „Schritt ins Offene“ zu verstehen, wenn es uns gelänge, den Prozess, den es bis zum heutigen Beschluss benötigt hat, als Teil der Arbeit am „kollektiven Gedächtnis“ zu begreifen. Die vehemente Ablehnung wie die begeisterte Zustimmung zu der Denkmalsidee sind lebendige Erinnerungsarbeit, die noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Seien wir froh darum. Es bestätigt eher die Bedeutung des Anlasses, als dass es sie schmälert.
Es ist das Wesen einer demokratischen Gesellschaft im Unterschied zu nichtdemokratischen Gesellschaften, dass sie zur Korrektur fähig ist. Auch darum ging es den Akteuren des Leipziger Herbstes. Ich bitte Sie vor diesem Hintergrund um Zustimmung zu allen Punkten unseres Antrags.

/1/  Assmann, Aleida: Kollektives Gedächtnis. http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39802/kollektives-gedaechtnis?p=all abgerufen am 15.7.2014
/2/  Ibs, Torben: Rituale der Erinnerung. Lichtfest Leipzig. In: Heeg, Günther, u.a. Reenacting History: Theater & Geschichte. Berlin, 2014. S. 106-115. S. 113.

Rede zum Antrag A 519 Fraktion DIE LINKE „Beendigung des Wettbewerbs Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal und Durchführung eines Bürgerentscheides“

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