Der Rahmenplan Stadionumfeld - eine Erpressung des Stadtrates?
Liebe Stadträtinnen und Stadträte,
zunächst besten Dank für die Zustimmung zu unserem Antrag. Es ist ein wichtiges Signal an die Schausteller und ein gutes Zeichen an die Stadtgesellschaft für die Mündigkeit des Stadtrates. Wie in meiner Einbringungsrede schon skizziert, droht der Frühjahrs-Kleinmesse akute Gefahr. Um das zu verdeutlichen, müssen wir uns die Vorlage Rahmenplan Stadionumfeld etwas genauer anschauen. Licht und Schatten liegen hier eng beisammen. Zu eng, wie wir meinen. Auch die Linksfaktion begrüßt natürlich die Aufwertung und Neugestaltung dieses europaweit einmaligen Areals. Aber das ehrgeizige Vorhaben ist bekanntlich weitgehend von einer erfolgreichen Olympiabewerbung abhängig und damit noch sehr luftig und hat mit der Kleinmesse einen ersten Verlierer. Deren angestammtes Gelände soll bis 2032 bzw. 2035 an RB Leipzig verpachtet werden.
Ich will keineswegs die Kassandra spielen, aber eine ernste Warnung will ich an dieser Stelle aussprechen: Wenn große Vorhaben in Leipzig gelingen sollen, müssen zuerst und unverzichtbar die vermeintlich kleinen Anliegen der Stadtgesellschaft bedient werden, sonst verlieren wir alle zusammen die Unterstützung für die weitgesteckten Ziele der Stadtpolitik. Anderes gesagt: Wenn wir uns gleich am Start einer weiträumigen Umgestaltung eines komplexen Geländes und seiner getakteten Nutzung verstolpern, wird die weitere Entwicklung unkalkulierbar.
Die Kleinmesse ist keine Figur auf dem Spielfeld von RB, die man einfach auswechseln kann, weil sie vermeintlich im Weg steht. Sie ist vielmehr seit Jahrhunderten untrennbar mit der Geschichte unserer Stadt verbunden. OBM Jung hat das 2007 – damals noch recht frisch im Amt - richtig beschrieben, da war allerdings an RB Leipzig noch lange nicht zu denken. In der Broschüre „100 Jahre Leipziger Kleinmessen auf den Frankfurter Wiesen“ schrieb er in seinem Grußwort, dass „verbürgt“ ist, wie die Kleinmessen aus den uralten Warenmärkten erwuchsen, „an deren Rande sich im 14./15. Jahrhundert unweit der alten Pleißenburg zunehmend auch ‚Fahrendes Volk‘, Gaukler, Moritatensänger, Seiltänzer, Bärenführer zur Erbauung der angereisten Händler und ansässigen Bürgerschaft einfand“.
Und noch ein zutreffendes Zitat möchte ich aus dem Text des OBM anführen, das uns in die Gegenwart führt. Im Blick auf die Neugründung des Leipziger Schaustellervereins im Jahr 1990 stellte er 17 Jahre später fest: „Mit beeindruckendem Engagement sorgten die rund 100 Vereinsmitglieder dafür, dass bis heute ein wirkliches ‚Volksfest der Region‘ entstanden ist, ein attraktiver Bestandteil des kulturellen Lebens in unserer Stadt.“
Genau: Jährlich nutzen über 400.000 Besucherinnen und Besucher, vor allem Familien, das innenstadtnahe Ausflugsziel und setzen damit eine lange Tradition fort. In kaum einer anderen vergleichbaren Großstadt gibt es in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt einen gleichermaßen zentral gelegenen und sehr gut erreichbaren Vergnügungspark.
Nun ist das „Volksfest der Region“ aber akut gefährdet. Die Interessen eines global agierenden Konzerns sind offenkundig gewichtiger als die berechtigten wirtschaftlichen Interessen eines einheimischen mittelständischen Unternehmens. Es kommt aber noch schlimmer. Die Schausteller wurden bei der Erarbeitung der Vorlage nicht einmal angehört, obwohl sie gesprächsbereit waren und aus eigenem Antrieb praktikable Lösungsvorschläge unterbreitet haben. Es ist für uns völlig unverständlich, dass der von der Kleinmesse angebotene Kompromiss der Flächenverkleinerung, der RB Leipzig bei den Heimspielen zusätzlich 600 Parkplätze ermöglichen würde, offenkundig keine Rolle spielte.
Unterm Strich riecht die ganze Causa nach einer Erpressung des Stadtrates, man kann sogar von einem intriganten Deal zwischen Stadtspitze und RB Leipzig zu Lasten der Kleinmesse sprechen. Sofern der Stadtrat erst im Februar oder März 2025 der Vorlage des OBM zustimmt, wäre die Durchführung der Kleinmesse im April 2025 auf Grund der mehrmonatigen Vorlaufzeit für die notwendigen Verträge organisatorisch nicht mehr möglich. Wenn der Stadtrat die Vorlage hingegen nicht bestätigt, würde das sogar das sofortige Aus der Kleinmesse am angestammten Standort bedeuten. Man fühlt sich an den Spruch von Herbert Achternbusch aus dem Jahr 1975 erinnert: „Du hast keine Chance – aber nutze sie!“
Bekanntlich kann eine Aktuelle Stunde keine Beschlüsse fassen. Deshalb lassen wir heute vorsorglich unseren Antrag „Durchführung der Kleinmesse im April 2025 gewährleisten!“ in die Tagesordnung aufnehmen, den wir im Januar zur Abstimmung stellen möchten. Es ist aus unserer Sicht die einzige Chance für den Stadtrat, die Frühjahrs-Kleinmesse 2025 zu retten.
Außer, der Oberbürgermeister agiert heute sportlich, ausgewogen und weitsichtig zugleich. Springen Sie über Ihren Schatten, Herr Jung. Stehen Sie zu Ihren eigenen Worten, mit denen Sie vor Jahren die Tradition und den stadtgesellschaftlichen Wert der Schausteller so treffend beschrieben haben. Nehmen Sie die Kleinmesse ebenso ernst wie die Leipziger Messe. Legen Sie ein zuverlässiges Fundament für die Umgestaltung des Stadionumfelds, damit aus dem vermeintlich kleinen Ausgangspunkt ein wirklich olympisches Vorhaben werden kann, damit Klein-Paris ebenbürtig mit Paris auftritt.

