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Marco Götze,

Restrisiko verantwortungsvoll?

Warum nach Verschiebung von Abschlussprüfungen gefragt werden darf.

Angesichts des Beschlusses der Kulturministerkonferenz (KMK) zum geplanten Stattfinden der Abitur- und Abschlussprüfungen stellen sich nicht wenige Fragen im Sinne der Gesundheit von Schülerinnen und Schülern sowie der sie an diesen Tagen Beaufsichtigenden. Derzeit werden strenge Verhaltensmaßregeln ob der Reduktion von Kontakten erlassen, angeraten und durchgesetzt. Trotz allem möglichem Abstand, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und trotz größtmöglicher Verteilung kommt es bei schriftlichen und mündlichen Abschlussprüfungen zu massenhaften Kontakten und zahlreichen Weitergaben von Gegenständen, zur gemeinsamen Benutzung sanitärer Anlagen etc. Je nach Zahl und Zügigkeit werden an diesen Tagen oft dreistellige Zahlen von Menschen über Stunden in einem Gebäude unterwegs sein, die sich zuvor allesamt nicht trafen. Die Frage muss erlaubt sein, wie es durch alle Schulen gewährleistet werden soll, dass die Infektionsgefahr durch die Teilnahme an diesen ja dann für alle im Jahrgang zwingenden Terminen tatsächlich ausgeschlossen werden kann und wer das prüft. Dies geht beim Eintreffen und Einschreiben der Schülerinnen und Schüler und ihrer Verteilung los, und geht weiter bei Laufwegen, Toilettengängen, Weitergabe von Nachschlagewerken und Aufgaben, Papier und Aufgabenlösungen, Abstandsüberprüfung vor und nach und während des Prüfungsakts. All das muss nun durch die Schulen sorgsam geplant und die maximale Sicherheit vor der weiteren Verbreitung des Virus gewährleistet werden. Zu Beginn einer Pandemie nur auf Abstand sitzen und in die Armbeuge niesen reicht da nicht. Ein „Es wird schon gut gehen“ und „die paar Tage“ kann man sich angesichts der steigenden Infektionszahlen und der Gefährlichkeit der Krankheit nicht leisten. 

Insofern muss die Frage gestattet sein, ob das Ansetzen der Prüfungen zum geplanten Zeitpunkt überhaupt klug und notwendig nur weil möglich ist. Die Gründe, die dafürsprechen, beginnen damit, dass die jungen Menschen jetzt die Abschlüsse brauchen. Betrachten wir das Argument genauer: Die jungen Menschen brauchen die Abschlüsse – so die gängigste Begründung - um sich zu bewerben. Für Lehrstellen, weitere Schulen und Universitäten. Ist es aber nicht so, dass diese Bewerbungstermine wie Ausbildungsjahresbeginn ebenfalls Festlegungen aus der Zeit vor der Pandemie sind und ebenso aufgrund der besonderen Situation änderbar sind, geändert werden müssen, ja, zum Teil sogar schon verändert wurden? Würde eine Verschiebung der Abschlüsse nicht auch als Information transportierbar sein? Können sich die Ausbildenden, Berufsschulen, Bildungseinrichtungen etc. in einem solchen Jahr keineswegs auf einen verspäteten Beginn einstellen? Glaubt jemand ernsthaft noch daran, dass Studienbeginn im Ausland angesichts der weltweiten Pandemie dieses Jahr möglich sein wird?

Ist es so, dass die Absolvent*innen tatsächlich eine gerechte Vorbereitungszeit auf ihre Abschlussprüfungen hatten? Glück, wenn dem durch die jeweiligen Schulen und durch engagierte Lehrerinnen und Lehrer so war. Dass viele Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr durch die Verhältnisse ohnehin tendenziell benachteiligt sind liegt schon im fehlenden Unterricht, schwierigen Konsultationsmöglichkeiten begründet. Das Abitur bzw. den Abschluss müssen sie aber ein Leben lang mit sich herumtragen und ob in 10 Jahren noch jemand nach den diesjährigen Schwierigkeiten fragt, ist zu bezweifeln. Auch hier macht sich eine Meinung breit, die heißt „besser so einen Abschluss als keinen“. Man wird das Gefühl nicht los, man möchte den Jahrgang schnell noch durchprügeln, bevor die große Pandemiewelle das nächste Schuljahr trifft oder die Schulen durch den nachrückenden Jahrgang zusätzlich gefüllt wären. Jedenfalls klebt man dadurch nach wie vor an alten Vorkrisen-Terminvorstellungen.

Es wäre angesichts ohnehin voraussichtlich ausfallender Urlaube, der Sommerferien, einem sehr wahrscheinlich späteren Schuljahres-/Ausbildungs- und Semesterbeginn doch die Zeit, klügere Lösungen zu erarbeiten, die Ströme der gleichzeitig Schreibenden zu staffeln, den Schulen Zeit für Planungen sicherer Prüfungen zu geben, vielleicht schon für Zeiten stark sinkender Infektionszahlen. Der nächste Schuljahresbeginn sollte sinnvollerweise ohnehin schon präventiv verschoben werden. Die UN warnt immerhin eindringlich vor einer Lockerung der jetzt getroffenen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus. Die Prüfungen sind aber eine solche Lockerung. Wir reden überdies bei Absolvent*innen ja auch über junge Menschen, die in aller Regel nicht mehr tagsüber von ihren Eltern betreut werden müssen.

Die Gesellschaft möchte schnell so viel wie möglich Normalität. Das anzustreben ist verständlich. Aber sie verschließt sich, wie die KMK und mancher Lehrerverband derzeit, einfach der Tiefe der Auswirkungen der Krise. Man scheut vielleicht bei gut gemeinter Aufrechterhaltungsbestrebung wohl die Konsequenz endlich zu akzeptieren, dass wir nicht in normalen Zeiten leben, in denen die gewohnten Denkschienen und Abläufe nicht mehr gelten können, und dass sich deswegen unser Leben weder normal abspielen kann noch - auf Corona komm raus - muss. Auf der einen Seite ist unser altes Leben vor der Pandemie mit all seinen aufeinander aufbauenden Terminketten, auf der anderen Seite eine lebensbedrohliche Gefahr. Es ist daher nun die Zeit, verschiebbare Dinge konsequent auf später zu verschieben. Es ist Zeit, alles zu tun, was wir tun können, um jedes vermeidbare Risiko auszuschließen bzw. so zu minimieren, so dass wir sagen können, wir haben im Interesse unserer Schülerinnen und Schüler ALLES getan, um Ansteckungen auszuschließen. Das sagt man heute einerseits so oft, begibt sich aber mit dem Stattfinden der Prüfungen in einen Widerspruch zu allen sonstigen Maßnahmen. 

Das gilt erst recht für den Unterrichtsbeginn. Erst, wenn die Infektionszahlen wirklich auf ein Minimum zurückgegangen sind, dürfen Masseneinrichtungen wie Schulen wieder betrieben werden. Der jetzige Weg der KMK will verantwortungsvoll sein, ist es aber so nicht. Chaos nach der Pandemie ist unschön, ein verzögerter Abschluss macht aber nicht krank und er bringt auch nicht um, Corona potentiell schon.

Meine Meinung wird auch nicht von allen Freund*innen geteilt, auch von vielen Kolleginnen und Kollegen nicht, aber mein Gewissen sagt mir, dass ich sie jetzt so äußern muss.

Stand heute, 26.03.2020: 40.000 Infektionen, 222 Tote allein in Deutschland

 

Marco Götze, Lehrer am Gymnasium, Schulpolitischer Sprecher der Stadtratsfraktion DIE LINKE,

Mitglied im Stadtvorstand DIE LINKE Leipzig