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Sören Pellmann

Inklusion gelingt, wenn es normal ist, verschieden zu sein

Frau Prof. Schuppener hat in ihrem Fachbeitrag bereits ausgeführt, was die theoretischen Parameter für Inklusion sind, was darunter zu verstehen ist und welche Veränderungen die Gesellschaft gehen muss, um tatsächlich inklusiv zu sein.

Auch unsere Stadt hat sich auf den Weg zur Inklusion begeben. Ein deutliches Indiz dafür ist die seit Januar anhaltende Diskussion zum Teilhabeplan für Menschen mit Behinderungen, welche unter großer Beteiligung erfolgt.

Dabei diskutieren miteinander die Verwaltung (und hier nicht nur das Sozialamt und die Behindertenbeauftragte), Vertreter/innen des Stadtrates, der Beiräte, der Vereine und Verbände, kulturelle und staatliche Institutionen und natürlich Betroffene.

Arbeitsgruppen und Workshops zeigen, dass dieser Weg alle gesellschaftlichen Lebensbereiche betrifft und unseren Alltag verändern wird.

Dazu gibt es vier themenbezogenen Arbeitsgruppen:
Bildung, Kultur-Freizeit-Sport, Arbeit und Beschäftigung sowie Wohnen und Mobilität.
Hier wird beraten, diskutiert, gestritten, Gedanken verworfen und das alles in einer guten Atmosphäre. Heute geht es uns um die Inklusive Bildung.

Bereits 2008 wurde in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, im März 2014 hat die deutsche UNESCO-Kommission in Bonn Leitlinien für eine inklusive Bildungspolitik beschlossen, aber bisher erhalten in Deutschland nur 15 % aller Kinder mit Behinderungen die Möglichkeit eines gemeinsamen Unterrichtes an einer allgemeinbildenden Schule. In Sachsen sind es nicht einmal ein  Prozent.

Hier gibt es zwei Modellregionen; Leipzig gehört dazu. Es ist keine leichte Aufgabe, eine Aufgabe mit Risiken und vielen Chancen.
Wir werden uns im Stadtrat noch im Herbst mit einem Positionspapier zur anstehenden Novellierung des Sächsischen Schulgesetzes auseinandersetzen. Das Durchsetzen inklusiver Bildung erfordert gesetzliche Voraussetzungen und die sind derzeit nicht gegeben. Im Schulgesetz ist bisher nur die integrative Beschulung geregelt und diese auch nur als Kann-Aufgabe und nicht als Pflichtaufgabe.

Die integrative Beschulung von Kindern hat sich in unserer Stadt verbessert. In Grundschulen lernen derzeit 756 Kinder mit  sonderpädagogischem Förderbedarf, in Mittelschulen 566 und in Gymnasien 131. Es gibt viele engagierte Lehrerinnen, Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher die tagtäglich ihr Bestes geben.

Was bedeutet aber Kann-Aufgabe? Das bedeutet zunächst, und das ist feststellbare Praxis im Bereich der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig, dass Integrationsstunden als erste Stunden am Vertretungsplan als „Ausfallstunden“ angezeigt werden, da nicht ausreichend Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden.

Auch die lange geltende Regelung, bei Integrationskindern in einer Klasse die Schülerzahl in dieser zu senken, wird lange nicht mehr angewandt. Das liegt vor allem an Kapazitäts-grenzen innerhalb der Schule.

Aber auch der Freistaat ist hier schuld. So verkündete unsere Bildungsministerin zu Beginn des Schuljahres: „Vor jeder Klasse wird ein Lehrer oder eine Lehrerin stehen.“ Das trifft für den Grundbereich noch zu. Im Ergänzungsbereich, zu dem auch so genannte Integrationsstunden gehören, gab es erhebliche Kürzungen. Das ist die Schattenseite.

Verbessert haben wir uns bei den Schulassistenzen, eine Aufgabe, die die Stadt Leipzig bezahlt. Ich schätze diese Arbeit meiner Kolleginnen sehr, aber auch hier ist der tatsächliche Bedarf deutlich höher. Und hier sprechen wir noch von Integration, nicht von Inklusion.
Wenn wir tatsächlich zur Inklusion wollen, und wir als LINKE wollen dort hin, liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.

Von gesetzlicher Seite beherrscht Sachsen noch nicht einmal die Integration vollständig, weil objektive Bedingungen fehlen. Von Inklusion sind wir im Freistaat leider noch sehr weit entfernt.

Welche Ziele sollten wir in Leipzig verfolgen, um das Ziel Inklusion zu erreichen?
1. Es ist ein notwendiger Beitrag zur Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention. Nach der Ratifizierung gilt sie und muss auch umgesetzt werden. D. h. auch, jede Schülerin und jeder Schüler mit einer Behinderung hat freie Schulwahl. Es gibt das Recht auf inklusive Bildung, aber nicht die Pflicht. D. h., es wird auch in den nächsten 20 Jahren noch Förderschulen geben können.

2. Durch Inklusion wird die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft wesentlich verbessert, und dieser Prozess beginnt in der Kita und geht  natürlich in der Schule weiter. Für die Schule bedeutet das:
Nimmt die Gesellschaft diese Forderungen ernst, muss die Frage geklärt werden, wie lange man in der Schule ohne Ausnahme (grundsätzlich) gemeinsam lernen will.

3. Die Stadtgesellschaft ist für Barrieren bei Teilhabe und Abbau dieser Barrieren (egal welcher Art) zu sensibilisieren. Wenn wir die Worte Barriere oder barrierefrei verwenden, wird vor allem an Mobilitäts-einschränkungen gedacht. Das hat seine Berechtigung, reicht aber bei Weitem nicht aus. Einige weitere will ich zumindest nennen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben:
Leichte Sprache, Gebärdendolmetscher, Audiodeskription und Armut sind ebenfalls Barrieren.

Zum Letzteren: Vergessen wir nicht: Jedes vierte Kind in Leipzig ist von Armut betroffen!

Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler mit sonder-pädagogischem Förderbedarf betrug in Leipzig im vergangenen Schuljahr 3.946. Die Förderschwerpunkte Sprache und emotional/soziale Entwicklung haben einen hohen Anteil an integrativer Beschulung und sind im Förderschulbereich weiter stetig anwachsend.
Die Entscheidung zur Sanierung der Sprachheilschule und die Zusammenführung von Grund- und Oberschule an einem Standort war daher richtig.

Als Lehrer weiß ich, man fängt immer mit dem Positiven an:
Was haben wir in Leipzig gut gemacht? Ich bin überzeugt, dass wir in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung die meisten Fortschritte gemacht haben.

Damit meine ich die Frühförderstellen, die integrativen Kitas, die Bildungsteilhabe von Kindern mit heilpädagogischem Förderbedarf in den Kitas, und Leipzig hat auch eine (von sechs in Sachsen) inklusive Modellkita in Leipzig Wiederitzsch.

Positiv möchte ich auch die Schulassistenzen hervorheben; wobei die Zeit der Bedarfsfeststellung unbedingt verkürzt werden muss. Manche, vor allem Kinder mit ASS (Autismus-Spektrums-Störung), warten bis über ein Jahr auf die Entscheidung und gehen in dieser Zeit nicht oder ohne wirklichen Lernerfolg zur Schule. Und das liegt an uns als Stadt.

Was muss sich verändern, wenn wir inklusive Bildung quantitativ in Leipzig ausweiten wollen?
1. Wir brauchen neue gesetzliche Vorschriften, die inklusive Bildung nicht nur als Modelle ermöglichen.
2. Inklusive Bildung braucht Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften, aber auch zusätzliche Lehrkräfte sowie pädagogisches Hilfs- und Unterstützungspersonal für erzieherische, therapeutische und pflegerische Aufgaben. Mindestens zwei Lehrkräfte bei deutlich kleineren Klassen könnten ein Anfang in die richtige Richtung sein.
3. Für inklusive Bildung ist ein finanzieller Ausgleich für Mehrkosten bei Lehr- und Lernmittel und Personalkosten für die Kommune durch den Freistaat zu erbringen
4. Schulen, die Kinder mit Förderbedarf inklusiv betreuen, laufen Gefahr, dass der Hort nicht als Integrativeinrichtung anerkannt und die inklusive Betreuung am Nachmittag nicht fortgesetzt werden kann. Hier muss eine klare Regelung her.

Kurz gesagt: Gesetzesänderung, Unterstützungspersonal, ausreichende Finanzierung sind die wichtigsten Forderungen.

Ein inklusives Bildungssystem kann nur geschaffen werden, wenn Regelschulen inklusiver werden, d. h. wenn sie besser darin werden, alle Kinder ihres Einzugsgebietes zu unterrichten.

Inklusion ist ein kreativer Prozess und bezieht sich auf den Einzelnen und die jeweilige Einrichtung.

Nun noch ein paar praktische Beispiele aus unserer Stadt, wie Inklusion vorangebracht werden kann:

  1. Das Theater der Jungen Welt und der Verein Lebenshilfe haben gemeinsam ein inklusives Theaterstück aufgeführt. Schauspieler/innen des Theaters und Jugendliche mit körperlichen, geistigen und psychosozialen Behinderungen haben mit Begeisterung Theater gespielt. Sie fahren demnächst sogar nach Münster mit ihrer Aufführung.
  2. Das Schauspiel Leipzig führt seit Dezember 2013 monatlich eine Vorstellung mit kostenfreier Live-Audiodeskription durch, inklusive blindengerechter Einführung und Bühnenführung.
  3. Der 1. Bahnengolfclub lädt regelmäßig Menschen mit Behinderungen zum Spiel ein.

Das ist nur ein kleiner Auszug aus verschiedenen Angeboten.

Es gibt also vor allem im Bereich von Kultur, Freizeit und Sport einige gute Beispiele. Denn auch das gehört zu inklusiver Bildung dazu.      

Inklusive Arbeit ist immer einmalig, beteiligungsorientiert und ressourcenübergreifend. Wir alle sollten uns einlassen, inklusiver zu denken und zu handeln. Das gilt für Verwaltung und Politik.
Die heutige bildungspolitische Stunde trägt dazu bei, dass Inklusion in der Stadt Leipzig ein Gesicht bekommt.

Mein Abschlusssatz ist ein Satz von der finnischen Kulturwissenschaftlerin Eeva Rantamo.
„Inklusion gelingt, wenn es normal ist, verschieden zu sein.“

Rede zur Bildungspolitischen Stunde.


Presse


Siegfried Schlegel

Werner Heiduczek hat sich vielfältige Verdienste um Leipzig erworben

Bereits 1969 lernte Stadtrat Siegfried Schlegel den Schriftsteller Werner Heiduczek  persönlich kennen. Schlegels Eltern arbeiteten damals wie auch zeitweilig Werner Heiduczek als Dozent für Deutsch als Fremdsprache am Herder-Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig. 1969 fand im Spätsommer ein Internationaler Deutschlehrerkongress in Leipzig... Weiterlesen