27. Januar 2012 Naomi-Pia Witte

Die Legende vom kräftigen Rückgang der Kinderarmut

In der heute-Sendung am 26.01.2012 im ZDF war es die Top-Meldung: Der kräftige Rückgang der Kinderarmut in Deutschland. Die Meriten für diesen Erfolg durften sich in den Redebeiträgen zur Meldung sowohl Ministerin von der Leyen als auch Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, an die Brust heften. Beide führten auch ihre Arbeit als Ursache an.
So sank nach der Darstellung der Bundesagentur die Zahl der Kinder in „SGB II-Bedarfsgemeinschaften“ von September 2006 bis 2011 von 1.895.932 auf 1.639.225 Kinder, ein Rückgang also um 13,5 %. Nicht einberechnet in diese Zahl ist allerdings die Tatsache, dass im gleichen Zeitraum die Anzahl der Kinder unter 15 Jahre in der Bundesrepublik von 11.649.872 auf 10.964.201 zurückging, eine Verringerung von immerhin 6,1 %. Zieht man diese Tatsache bei der Berechnung von Kinderarmut in Betracht, relativiert sich der gefeierte Rückgang beträchtlich.
Darüber hinaus wurde beim Vergleich der Bundesländer Bayern zum Sieger und Berlin als Schlusslicht präsentiert. Ein Bild, das schon aus anderen Benchmarks wohlbekannt ist. Bei Berücksichtigung des Rückganges der Kinderzahl unter 15 Jahren in die Berechnung beim Ländervergleich ändert sich jedoch auch die „Hitliste“ von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Bundesländern. Nun ist nicht mehr Bayern an der Spitze und Berlin das Schlusslicht. Vielmehr ist Thüringen das Bundesland mit dem größten Rückgang an Kinderarmut, und die Rote Laterne geht an Nordrhein-Westfalen.
Weiterhin unberücksichtigt in der Statistik ist die Auswirkung des Kinderzuschlages auf den Rückgang von Kindern in „SGB II-Bedarfsgemeinschaften“. Dieses im Berichtszeitraum geschaffene Instrument soll ja gerade Kinder aus dem Bezug von Hartz IV herausholen, deren Familien so wenig Einkommen haben, dass sie selber zwar noch keine Hartz IV-Ergänzungsleistungen in Anspruch nehmen könnten, allein durch ihre Kinder im Haushalt allerdings anspruchsberechtigt wären.
Ein Argument von der Ministerin und dem BA-Vorstand zum Rückgang der Kinderarmut lautete unisono, die Hartz IV-Bezieher ließen sich nunmehr dank der guten Wirtschaftslage besser in Arbeit integrieren. Dass es sich dabei in vielen Fällen um prekäre Arbeitsverhältnisse handelt, blieb wieder einmal unerwähnt. Auch Familien, deren Einkommen knapp über Hartz IV liegt sind – so die offizielle Lesart – „von Armut bedroht“.

So brachte es Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, am Ende des heute-Beitrages auf den Punkt: „2005 lebte jedes siebente Kind in Armut, und 2011 lebte jedes siebente Kind in Armut, daran hat sich nichts geändert.“