Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich meine Fürsprache für den Erhalt des jetzigen Platznamens anfangen und füllen soll, ohne dass Narben von Verletzungen wieder aufzureißen. Ich will es versuchen.
Der Antrag auf Rückbenennung des Ernst-Thälmann-Platzes in Volkmarsdorfer Markt setzt aus meiner Sicht ein falsches politisches Zeichen, gerade jetzt wo sich das neofaschistische Gesindel in Netzwerken neu findet und wo ein Verbot der NPD ernsthaft diskutiert wird.
Zudem entwürdigt der Antrag gewissermaßen, sicher unbewusst, einen politischen Menschen der jüngeren Zeitgeschichte.
Ja es ist wahr, Ernst Thälmann wurde in der DDR glorifiziert, wo es doch besser gewesen wäre, ihn als eine hervorragende Persönlichkeit in seiner Zeit, die voller Widersprüche war, darzustellen.
Aber kann man ihm diese Glorifizierung heute vorhalten?
Er konnte sich dagegen nicht wehren, denn er war tot, ermordet von den Nazis.
Wer war dieser Mensch, an dem sich noch heute die Geister scheiden?
Er war ein Gegner der Demokratie in der Weimarer Republik, sagen die Einen.
Aber fragen wir genauer. Eine sarkastische Beurteilung beschreibt die Weimarer Republik als eine Demokratie ohne Demokraten. Das war sicher übertrieben, aber waren denn die Umstände in dieser postkaiserlichen Zeit wirklich schon demokratisch?
Ja, es gab ein parlamentarisches System aber es gab auch einen vom Militär initiierten Kapp-Putsch der nur durch einen Generalstreik scheiterte.
Ja es gab eine fortschrittliche Verfassung aber auch einen Staatsapparat, der sich auf das alte Militär, auf die kaiserlichen Verwaltung und eine Justiz stütze, die nicht gerade als demokratisch galt.
Ja es gab auch politische Parteien aber es gab leider keine Einigkeit unter den Kräften, die den Faschismus hätten verhindern können.
Warum das so war, lag aber nicht nur allein an der Haltung der Kommunisten. Die Sozialfaschismustheorie, so falsch sie auch ist, war historische Folge aus den Kämpfen der Novemberrevolution und der folgenden Krisenjahre bis 1923. Die unversöhnliche Haltung der Parteien KPD und SPD war beidseitig und mündete in den Mai-Unruhen 1929.
(„Blut-Mai“: Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel ordnete unverhältnismäßiges hartes Vorgehen der Polizei an. 33 Demonstranten und Unbeteiligte wurden getötet. Es gab 198 Verletzte)
Thälmann eine indirekte Hilfe für die Machtergreifung Hitlers zu unterstellen, ist a-historisch, auch wenn diese These immer wieder von so genannten Kommunismusforschern aufgestellt wird.
Politische Fehler haben damals alle Parteien gemacht.
(z. B. die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz vom 24.03.1933 durch alle Parteien außer der KPD und SPD)
Immerhin versuchte Thälmann später die Teilung der Linken zu überwinden, indem er die „Antifaschistische Aktion“ vorschlug.
Aber, es ist richtig, ein Vollblutdemokrat war Thälmann damals nicht, ebenso wenig wie ein Goerdeler oder ein Adenauer.
Aber anders als diese geniest Thälmann leider heute keine ehrenhafte öffentliche Wertschätzung mehr.
Thälmann war ein ungebildeter Parteivorsitzender, der in seiner kritiklosen Selbsttäuschung und Selbstverblendung interne Cliquentreiberei zuließ. Dieser Klage von Clara Zetkin sollte man mit Vorsicht genießen und vielleicht selbst mal in die eigenen Reihen schauen. Parteiinterner Zoff geht manchmal seltsame Wege. Wer dann nach einer solchen Eigenschau noch ohne Makel sein sollte, darf den ersten Stein der Kritik werfen.
Thälmann vertuschte aus wahltaktischen Gründen die Unterschlagung des Freundes (nicht Schwager) John Wittdorf, der sich aus der Wahlkampfkasse bedient hatte.
Diese Vertuschung war eine Dummheit, die Thälmann kurzzeitig das Amt kostete. Stalins Intervention, die ihn wieder zum Vorsitzenden der KPD, einer Sektion der Kommunistischen Internationale, machte, kann man durchaus kritisieren.
Diese Entscheidung sagt aber wenig über die Person Thälmanns aus, sondern zeigt eher die Strukturen der Kommunistischen Internationale auf. Ob Thälmann deshalb ein größerer Anhänger Stalins war als andere führende Kräfte der Kommunisten, ist nicht belegt.
Ihm zu unterstellen, dass er, wäre er am Leben geblieben, einen stalinistischen Terror entfacht hätte, ist Spekulation.
Für Stalin war Thälmann, spätestens nach seiner Verhaftung am 3. März 1933, abgeschrieben.
Mit dem Hitler-Stalinpakt 1939 hätte Stalin möglicherweise die Gelegenheit gehabt, Thälmann zu retten.
Thälmann hatte keinen Bezug zu Leipzig? Das ist eine ziemlich einseitige Argumentation. Immerhin war er 13-mal in unserer Stadt. Einmal eben, am 9. April 1932, auf diesen Platz als Redner einer antifaschistischen Großkundgebung.
Es gibt übrigens viele öffentliche Straßen oder Plätze, deren Namenspatrone nicht mit unserer Stadt in Verbindung gebracht werden können.
Mir ist nichts bekannt, was Willy Brandt, Ludwig Erhard, Konrad Adenauer oder Kurt Schumacher mit Leipzig gemein hatten.
Auch Bismarck stammte nicht von hier und hatte mit Leipzig keine Verbindung. Und doch gibt es in Lützschena einen Bismarckturm und in Großzschocher eine Bismarckstraße.
Letztere liegt in einem Altneubaugebiet und hieß noch bis vor einiger Zeit Heinrich-Rau-Straße. Beide Namensgeber hatten keinen Bezug zu Leipzig. Der Unterschied zwischen beiden ist, dass der eine als Gründer des deutschen Reiches gilt und der andere nur Spanienkämpfer, Kommunist und Minister war und das auch noch in der DDR.
Und noch etwas, wer könnte von sich sagen, dass er in gleicher Lage wie Thälmann, immer stark geblieben wäre. Da gab es ganz gewiss auch Stunden oder Tage des Zweifels oder Selbstmitleides. Aber Thälmann hat niemand an die Nazis verraten, er ist stark geblieben, trotz alledem.
Meine Damen und Herren, stimmen Sie gegen den Antrag zur Umbenennung.
Ernst Thälmann war kein Heiliger, er hat geirrt und sich korrigiert und ist durch die Nazis grausam umgebracht worden. Er verdient es, wie auch andere nichtkommunistische Widerstandkämpfer, dafür von uns geachtet zu werden.
Redebeitrag zur Antrag A 178 "Rückbenennung „Ernst-Thälmann-Platz“ in „Volkmarsdorfer Markt“ von Bündnis 90/Die Grünen.